29.07.2016, Freitag – Reise nach Le Vernet (5)

Obwohl heute Abreisetag ist, sind wir in der glücklichen Lage, uns Zeit zu nehmen, da das Flugzeug erst am Abend startet. Wir frühstücken im Restaurant des Hotels, das mit viel Liebe fürs Detail eingerichtet wurde, und verabschieden uns mit den in Frankreich üblichen Küsschen von den Gastgebern.
Wir werfen einen letzten Blick auf die Gipfel, die aus einem wolkenlosen Himmel hervorstechen. Es verspricht ein sonniger Tag zu werden. Auf dem Friedhof sagen wir Tschüss zu Jens und versprechen, bald wieder zu kommen. Es ist praktisch, dass wir in Le Vernet untergebracht sind. Wir können zu jeder Stunde, sogar nachts, das Grab oder die Stele aufsuchen sowie im Gedenkraum sitzen. All diese Plätze sind zu Fuß erreichbar, sodass wir beschließen, nur noch in dem Bergdorf zu übernachten. Die sterilen Hotels in Aix-en-Provence und Marseille stoßen uns ab und rauben durch ihre Entfernung zu den Alpen viel Zeit.
In und um Le Vernet ist eine Begegnung mit Jens möglich. Ich spüre es, obwohl ich esoterischen Begebenheiten nach wie vor skeptisch gegenüber stehe, denn oft gibt es logische Ursachen. Allerdings ist der Glaube intensiver geworden, hier bei ihm angekommen zu sein, was offenbar auch dem ununterbrochenen Aufenthalt vor Ort zu verdanken ist. Um so schwerer fällt der Abschied. Es ist, als lasse ich ihn zum zweiten Mal im Stich, weil ich einfach so wegfahre. Der Gedanke ‚Ich muss ihn doch beschützen‘ ist hartnäckig. Bereits in bewusstem Flugzeug habe ich ihn allein gelassen und nicht vor dem Bösen bewahrt.
Der Verstand mischt sich ein: ‚Dein Sohn würde die Augen verdrehen, wenn du derart über ihn gewacht hättest. Er war ein erwachsener Mann, 37 Jahre alt. Er hatte sich seit langem abgenabelt.‘
‚Trotzdem ist und bleibt er stets mein Kind und ich seine Mutter‘, hält das Gefühl dagegen.
Ich stelle mir vor, wir wohnten in Le Vernet oder besäßen vor Ort ein Ferienhaus, das wir jederzeit aufsuchen können. Der Gedanke gefällt mir ausnehmend gut.
Wir werden für den Rest des Lebens mit der Alpenregion verbunden sein und so oft es geht, Jens besuchen.
Traurig steige ich in den Mietwagen. Jens kommt nicht mit.
Wir fahren nicht auf direktem Wege zum Marseiller Flugplatz. Wir wollen Prads kennenlernen, den Ort, der auf der anderen Bergseite zum Absturzgebiet liegt. Der dortige Campingplatz interessiert uns sowie die Stele mit den 149 Stäben, die die Opfer der Katastrophe symbolisieren. In unübersichtlichen Kurven schlängelt sich die schmale Bergstraße hinauf, bis wir das Ziel erreichen.

Es ist ein malerischer, kleiner Ort, der von einer höher gelegenen Kirche dominiert wird.
Den Zeltplatz finden wir rasch. Dort möchten wir in Erfahrung bringen, ob im Herbst ein Chalet frei ist. Wir planen, rein privat, drei Wochen nahe Jens zu verbringen, aufgeteilt auf Le Vernet und Prads.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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Ein Gedanke zu “29.07.2016, Freitag – Reise nach Le Vernet (5)”

  1. „Jens kommt nicht mit.“ Und ob er das tut. Sie spüren ihn vielleicht nicht immer gleich intensiv, aber er ist immer bei Ihnen. Aber ich verstehe dennoch was Sie meinten.

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