29.07.2016, Freitag – Reise nach Le Vernet (6)

Der freundliche Herr an der Rezeption des Campingplatzes von Prads spricht nur französisch. Trotzdem klappt das Gespräch gut. Er antwortet, dass am Ende der Saison die Chancen, kurzfristig eine Hütte zu mieten, gut stehen, worüber wir erleichtert sind. Nun müssen wir nur noch in Le Vernet eine Ferienwohnung ausfindig machen, denn die Bemühungen vor Ort waren vergebens. Wir hoffen auf das Internet.
Er mustert uns schweigend. Das Strahlen in seinen Augen verschwindet, bis er schließlich fragt, ob wir Angehörige der Flugzeugkatastrophe seien. Da ich ihn sympathisch finde, erkläre ich, dass wir unseren Sohn verloren haben. Er erhebt sich vom Bürostuhl, kommt auf uns zu und beteuert, dass ihm und den Einwohnern von Prads der Absturz sehr zu Herzen geht. „Soll ich die Chefin holen?“
Erfreut bejahen wir, da wir Nina bereits kennen. Sie bot bei unserem zweiten Besuch in den französischen Alpen ihre Hilfe beim Übersetzen an. Mit ihr kann man sich schon deshalb gut unterhalten, weil Deutsch ihre Muttersprache ist.
Er telefoniert und es dauert nicht lange, bis sie herbeieilt. Wir erkennen uns. Ein intensives Gespräch entwickelt sich. Sie erzählt uns von Hinterbliebenen, denen sie begegnet ist. Manche seien zornig gewesen, einfach auf alles. Andere mussten mit sich ringen, überhaupt in die Absturzregion zu fahren.

Sie weist auf den Campingplatz, den sie mit ihrem Mann, einem Franzosen, aufgebaut hat. Anfangs hätten die Einwohner die Platzbezeichnung „Mandala“ sowie das erarbeitete Konzept belächelt: Die Gäste können in traditionellen Jurten wohnen und an Yogakursen teilnehmen, um sich in der freien Natur so richtig zu entspannen.
Lufthansa habe den Zeltplatz in eine Liste von Unterkunftsempfehlungen für die Angehörigen der Katastrophe aufgenommen.
Mein Mann entdeckt die fremdländische Wimpelkette, die über dem Eingang im Wind flattert. Es ist dieselbe, die wir gestern an der letzten Absperrung auf dem Weg zum Katastrophengebiet gesehen haben. Nina erklärt, dass Schüler aus Haltern sie angebracht haben. Sie hielten sich mit ihrem Direktor in Prads auf, um zu trauern und ihrer Mitschüler zu gedenken, die bei dem Germanwings-Drama sterben mussten. Die tibetanischen Wimpel sollen Grüße an alles Leben in die Berge und Täler versenden. Mir gefällt die Symbolik.
Sie berichtet von einem Rundweg, dem sogenannten Schulmeisterweg, der ausgebaut wurde und über den man zum Absturzgebiet gelangen könne.
Wir erkundigen uns nach dem Weg zum Denkmal mit den 149 Stäben. Sie empfiehlt wärmstens, es zu besichtigen. Mit Fahrzeug sei es auch gut erreichbar. Ich schaue auf die Uhr, damit wir uns mit der Zeit nicht verzetteln. Wir müssten es noch schaffen.
Sie erläutert, dass man von dort aus Richtung Unglücksstelle schaut, diese allerdings nicht einsehen kann, da Höhenzüge sie verdecken.
Nina kennt den Künstler, der die Stele erschaffen hat. Ihm wurde nahegelegt, mit 149 Stäben zu arbeiten, doch er fand, wie sie meint, eine elegantere Lösung. Er brachte einen gekappten Stab derart in das Monument ein, dass die 149 senkrecht stehenden auf ihm lasten. Jener 150-zigste ist für den Betrachter unsichtbar. Auf ihm drückt die gesamte Schwere der Schuld. Der Erbauer wollte alle Leben, die sich an Bord des Flugzeuges befanden, berücksichtigen, selbst wenn eines von ihnen freiwillig weggeworfen wurde und die anderen brutal mit sich riss. Für ihn sei jedes Leben ein Leben, auch das des Copiloten.
Wir verabschiedeten uns mit dem Versprechen, im Herbst wiederzukommen.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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