28.07.2016, Donnerstag – Reise nach Le Vernet (4)

Ich setze mich auf einen niedrigen Felsblock in den Schatten. Kein erfrischendes Lüftchen regt sich. Die Sonne strahlt bereits heftige Hitze ab.
Ich kratze mit einem Stein auf ein Geröllstück, das gerade vor mir liegt, den Namen von Jens. Mehrfach ziehe ich die Buchstaben nach. Zunächst bin ich in Gedanken versunken, doch als ich bemerke, dass mein Mann mit den aus Deutschland mitgebrachten Tannenzapfen einen Kreis formt, weiß ich, wofür die Kritzelei nützlich sein könnte. In die Mitte der Umrandung legt er die Lieblingsschokolade unseres Sohnes und ich den Stein davor. Sein Namenszug ist gut sichtbar. Leider wird ihn der nächste Regen auslöschen. Mein Mann versüßt die Grüße an ihn meist mit Schokolade, die Jens so mochte.
Ich versuche, die andere Bachseite zu erreichen, und entdecke einen gebogenen metallischen Gegenstand. Die Augen beginnen, bewusst den Boden abzusuchen, und erkennen weitere Teile – verschraubte Elemente, helle Fetzen, die vermutlich Bestandteil einer Wandverkleidung waren, ein zerbrochenes rotes Plastikstück, usw. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich um Bruchstücke des abgestürzten Airbusses. Teilweise sind sie tief in das felsige Erdreich gepresst, so auch Kabelteile, deren Enden herausragen. Ein Objekt erinnert sogar an einen Scartstecker. Es ist krass, was noch alles zu finden ist, sucht man aufmerksam den Untergrund ab. Ich stelle mir vor, wie Schneeschmelze, Regen, Erdrutsche, usw. Knochen freilegen. Wer hier oben weilt, muss wohl damit rechnen. Könnte ich einen Tierknochen von einem Menschenknochen unterscheiden?
Ich nehme erneut auf einem Felsen Platz. Ich weiß nicht, wie lange ich bereits sitze und die Umgebung und immer wieder den Markierungsstab betrachte. Merkwürdige Empfindungen überwältigen die Seele. Ich kann sie nicht erklären, da es an entsprechenden Worten mangelt. Der Ort strahlt eine Aura ab, die ich mit feinen Sinnen aufnehme, aber nur, wenn ich schweige. Der Bach gluckst gleichmäßig vor sich hin. Ich bin elektrisiert.

Als mein Mann die Stille unterbricht und fragt, „Wollen wir aufbrechen?“, springe ich erschrocken auf und flehe in Gedanken: ‚Jens, falls es dich in irgendeiner Existenz noch gibt, du wirklich hier bist, dann gib doch ein Zeichen. Nur ein klitzekleines Zeichen.‘
Heftiger Wind kommt auf, der überhaupt nicht zu dem bisherigen Wetter hier oben passt. Ich bewege mich nicht, bleibe einfach so stehen. Er ist erfrischend und zerrt an den Hosenbeinen. Die Haare flattern.
Mein Mann wundert sich über den unerwartet aufgetauchten Luftzug. Ich versuche zu erklären: „Jens ist hier!“
Er versteht sofort. Wir schweigen in stummer Übereinkunft. Erst nach Minuten ebbt das Phänomen ab. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
Wir beginnen mit dem Rückweg. Je weiter wir uns entfernen, desto vordergründiger meldet sich der Verstand. Er meint, dass alles nur ein Zufall war. Schließlich kann Wind überall und jederzeit überraschend auftreten.
Mein Mann allerdings hat keine Zweifel: „Das war Jens!“
Ich möchte es gern glauben.
Wir kriechen zurück durch die Geröllklappe. Ich bin froh, dass uns auf der anderen Seite niemand erwartet. Es wäre durchaus möglich, dass wir beim Betreten der verbotenen Region erwischt und ermahnt werden. Die Befürchtung wird verstärkt, weil wir von oben Sicht auf die entstehende Aussichtsplattform hatten und dort Fahrzeuge sowie Personen beobachteten. Man weiß ja nie, was denen einfällt. Aber glücklicherweise geschah nichts. Jegliche Ermahnungen würden wir ignorieren, Strafgebühren zahlen – immer wieder. Ich wäre sogar bereit, in den Knast zu gehen, nur um einen Aufenthalt unmittelbar an der Absturzstelle zu ermöglichen. Es ist der Ort, an dem Jens seine letzten Lebenssekunden verbrachte, ehe er in eine fremde Welt überging. Für uns hat er eine enorme Bedeutung.
Es ist heißer geworden, die Luft scheint zu flimmern. Anfangs haben Bäume noch etwas Schatten gespendet, doch jetzt sind auch sie verschwunden. Kaum eine Wolke besänftigt die Sonne.
Am Col legen wir eine Rast ein, meiden allerdings die einladenden Rastbänke mit den Tischen vor der kleinen Schutzhütte, weil die Wärmeglut unbarmherzig auf sie herniederprasselt.
Wir schleichen die unbefestigte Piste hinab. Wanderer begegnen uns. Die Hitze zehrt an den Kräften. Schließlich erreichen wir die ersten Häuser von Le Vernet. Bewohner mit Kinderwagen kommen uns entgegen und grüßen freundlich.
Endlich stehe ich unter der erfrischenden Dusche. Wir ruhen uns im kühlen Hotelzimmer aus.
Am Abend zünden wir vor der Stele Kerzen an, laufen zum Friedhof und halten auch im Gedenkraum Zwiesprache mit Jens.
Wir sitzen vor dem Restaurant L’Inattendu, unterhalten uns mit der Dame des Hauses, die gemeinsam mit ihrem Mann für Gaststätte und Hotel verantwortlich ist, aber ebenso Speisen und Getränke serviert, leidlich auf Französisch und betrachten das Gebirgsmassiv, das sich vor uns ausbreitet. Die Gipfel flammen in dem tief stehenden Sonnenball glutrot auf. Sie glühen, bevor die Sonne verschwindet. Wir beobachten, wie die Dunkelheit die Felsen verschlingt.

© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “28.07.2016, Donnerstag – Reise nach Le Vernet (4)”

  1. Liebe Frau Voss,
    Sie sind oft in meinen Gedanken. Regelmässig lese ich Ihren Blog. Schier unvorstellbar für mich jedoch spürbar aus Ihren Worten ist die Sehnsucht, die Trauer und die Liebe zu Ihrem Jens. Er ist bei Ihnen alle Tage Ihres Lebens, da bin ich mir ganz sicher.
    Wir waren kürzlich in Marseille, auch da waren meine Gedanken bei Jens und seiner Familie und all den anderen Opfern.
    Seien Sie herzlichst gegrüsst und haben Sie viel Freude an Ihren Enkelkindern.
    Ihre Ingrid

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