30.09.2016. Freitag – Erholung von der Wanderung zur Refuge de l’Estrop (Prads 6)

Da wir bei geöffnetem Fenster schlafen, ist es kühl im Chalet. Der Nachthimmel war klar und brillierte in der absoluten Finsternis mit unbeschreiblich leuchtenden Sternen.
Wir frühstücken. Der Radiator kämpft gegen die Eiseskälte an.
Endlich lugt die Sonne hinter dem Bergrücken hervor und bestrahlt die Umgebung mit ihrer provenzalischen Kraft. Im Nu wird es warm, und ein faszinierendes Licht lässt die Berge in all ihrer Schönheit hervortreten. Wir genießen sie von der Terrasse aus.
Nina kommt vorbei. Sie versorgt uns mit einem frischen Ökobrot. Sie hat es auf dem Markt von Digne gekauft. Unter dem Arm trägt sie ein Fotobuch, das von Halternern Schülern stammt, die vor einiger Zeit hier übernachteten. Sie gedachten mit dem Besuch in den südfranzösischen Alpen ihrer gleichaltrigen Mitschüler, die bei dem Absturz starben. Trauerarbeit. Ein Foto gefällt mir sehr gut. Die Jungen und Mädchen sitzen einzeln auf den Quadern, die sich auf der Wiese neben dem verlassenen Dorf Vière befinden und zum Kunstprojekt VIAPAC gehören. (Ich habe in meinem vorhergehenden Beitrag darüber geschrieben.) Sie wirken wie Schmuckelemente auf gefädelten Würfeln, die eine Steinkette bilden. Damit erst fängt für mich dieses Objekt an, ein Kunstwerk zu sein. Das Fotobuch ist ein Dankeschön der Schüler an Nina und ihren Mann Yvan.
Wir beschließen, heute nichts Kräfteraubendes zu unternehmen. Die gestrige Wanderung zur »Refuge de l’Estrop« war anstrengend. Daher wollen wir uns ausruhen.
Die Tour vom Parkplatz »Lac des Eaux Chaudes« war insgesamt 19 km lang, und wir mussten einen Höhenunterschied von 800 m überwinden. Die Sonne prasselte mit voller Energie hernieder.
Der breite Schotterweg stieg zunächst sanft bergan, es folgte eine Geröllfläche. Schließlich hangelten wir uns an seitlich angebrachten Ketten über Felsplatten hinweg. Seitwärts toste in schwindelerregender Tiefe die Blèone. Die Landschaft nahm uns im doppelten Sinne den Atem. Zum einen war sie auf vielfältige Art frappierend in ihrer Wildheit und Schönheit, zum anderen schnappten wir vor Anstrengung nach Luft. Wasserfälle stürzten die Felswände hinunter, liebliche Wiesen, Enzian, das Pfeifen der Murmeltiere, das Glucksen und Rauschen des Wassers, der tiefblaue Himmel, aus dem die südländische Sonne auf die Köpfe prasselt – dies alles verstärkte den Respekt vor der Unberührtheit der Natur. Der wilde Lavendel war am Vertrocknen. Seine ätherischen Öle betörten die Nase, erhöhten allerdings die Waldbrandgefahr.

Die Hitze erlangte ihren Höhepunkt.
Plötzlich entdeckten wir einen blauen Schmetterling. Es wurden immer mehr. Zweifellos war das ein Gruß von Jens. Sagte er, gebt nicht auf, ihr schafft das?

Wir erreichten die Schutzhütte, in der man auch übernachten kann. In dem rustikalen Restaurant stärkten wir uns. Wir füllten die Trinkflaschen mit dem Quellwasser der Blèone.
Auf dem Rückweg trafen wir erneut auf erst nur einen blaue Schmetterling. Alsbald umflatterten uns Unmengen. Blaue Tupfer belebten die Luft. Es war wie ein Zauber. Einer ließ sich dicht vor meinen Füßen nieder. Ich hockte mich und streichelte ihn. Ich konnte es kaum glauben, dass er lange Zeit still hielt. Er flog nicht weg. War das Zufall? Es stand außer Frage: Jens setzte sich mit uns in Verbindung. Die Freude war groß, und ich beschloss, den logischen Verstand auszuschließen.
In der Ferne toste ein Wasserfall regenbogenfarben herab.

Die Anstrengung des übermäßig steilen Abstieges verbannte jegliches Grübeln über den Tod von Jens aus den geheimsten Ecken meines Gehirns. Das war in gewisser Weise erholsam, auch wenn die körperlichen Schmerzen zunahmen …
Die Wanderung sitzt uns in den Knochen. Und so genießen wir die Sonne auf der Terrasse des Chalets, die unsere geschundenen Glieder erwärmt.
Wir sind nicht mehr die einzigen auf dem Campingplatz. Eine Gruppe geistig behinderter Jugendliche ist eingetroffen. Sie schlafen in den Jurten und Hütten. Wir beobachten, wie sie in zwei Mannschaften Ball spielen. Unwillkürlich lächle ich. Ihre Freude ist echt und spontan, sie schreien vor Vergnügen. Pure Lebenslust schallt zu uns herüber. Die Betreuerin fragt, ob es uns zu laut sei. Ich verneine ehrlichen Herzens. Sie haben einen Riesenspaß, und das ist die Hauptsache. Sie leben. Das ist doch wunderbar.
Der Abend naht mit zunehmender Kälte, die des Nachts bereits negatives Vorzeichen vorweisen kann. Eines Morgens war unser Fahrzeug mit Reif bedeckt.
Wolken ballen sich über den Bergen zusammen. Eine dunkelgraue Front kommt auf uns zu und öffnet ihre Schleusen.
Im Chalet stellen wir den Radiator an und lesen. Jens schaut uns dabei zu. Sein Foto steht auf dem Regal.
© Brigitte Voß

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