17.08.2016, Mittwoch – das Denkmal

Es geschieht das, was mein Mann und ich nicht möchten: Ein Denkmal soll direkt am Ort der Katastrophe errichtet werden und den Stab, der die Stelle des Absturzes markiert, ersetzen. Wahrscheinlich haben Angehörige den Wunsch persönlich den Mitarbeitern des Carecenters von Germanwings vorgetragen, denn ich bin erstaunt, dass das Unternehmen von vielen Interessierten spricht. Auf dem Forum der Family Website (Informationsseite der Lufthansa für die Hinterbliebenen) erregte die Diskussion zum Thema geringes Interesse. Sie drehte sich um ein bereits vorhandenes Modell eines Denkmals, um dessen Standort und ob es mit oder ohne kirchlichem Kreuz ausgestattet sein sollte, usw.
Im Mai gab es erste Gespräche mit zwei kleineren Gruppen deutscher und spanischer Angehöriger, die gemeinsame Vorstellungen zum Gedenkelement herausarbeiteten.
Es soll symbolhaft für die 149 Opfer stehen. Da der verhängnisvolle Ort offensichtlich für immer gesperrt bleibt, ist geplant, dass es von der Aussichtsplattform, die auf dem Weg zur Absturzstelle im Entstehen begriffen ist, deutlich sichtbar sein muss.
Auch wenn Bodenbeschaffenheit und Gelände wie angekündigt untersucht werden, ist für mich schwer vorstellbar, wie auf dem bröseligen Felsuntergrund, der vermutlich aus Schiefer besteht, ein Denkmal auf dem schmalen Bergrücken Halt finden kann, auf den das Flugzeug prallte. Die Zugänglichkeit zu dem unheilvollen Ort spielt für die Errichtung des Gedenkelementes ebenfalls eine Rolle. All diese Parameter beeinflussen seine Größe, das Gewicht und damit die Auswahl Materials. Uns wird klar, dass das Vorhaben kompliziert ist und hoffen dadurch, dass es aufgegeben wird und der Markierungsstab bleibt. Die Natur sollte so belassen bleiben, wie sie ist. Ihre Unberührtheit ermöglicht erst die Zwiesprache mit Jens, nichts lenkt ab, und ich kann ungestört in sie eintauchen, um eine Verbindung zu ihm zu finden.
Die Gemeindevertreter und die Bevölkerung der Region sollen in die Planungen einbezogen werden.
Lufthansa/Germanwings organisierte eine nichtöffentliche, internationale Ausschreibung. Fähige Künstler, Architekten sowie Bildhauer wurden gezielt gesucht und angesprochen. Hierzu konnten Angehörige und die Bürgermeister von Prads und Le Vernet Vorschläge bis Ende Juli unterbreiten. Die auserwählten und an den Auftrag interessierten Personen sind aufgefordert, ein Denkmal zu entwerfen, dass in geeigneter Form an die Opfer des Fluges 4U9525 erinnert, wobei es den geografischen Rahmenbedingungen des Katastrophengebietes entsprechen muss. Es wird noch eine Ortsbegehung stattfinden, damit sich die Teilnehmer selbst ein Bild von den Gegebenheiten an der Absturzstelle machen können. Bis zum 5. Oktober sollen die Entwürfe eingereicht sein. Eine Jury wird daraus eine Vorauswahl von drei bis fünf Vorschlägen treffen. Für eine Mitarbeit in ihr konnten sich Angehörige bewerben. Die Auswahlkommission besteht aus je zwei Angehörigenvertretern aus Deutschland, aus Spanien und für die übrigen Länder, aus drei französischen Repräsentanten der Region, zwei Vertretern von Lufthansa/Germanwings sowie einem neutralen Kunstexperten.
Per Online-Abstimmung können anschließend die Hinterbliebenen ihren Favoriten wählen.
Zum zweiten Jahresgedenken an die Katastrophe wird das Gewinner-Denkmal den Familien ausführlich vorgestellt.
Wir stehen dem eher skeptisch gegenüber. Uns bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten, wie das Kunstwerk aussehen wird. Möglicherweise schaffen wir es, uns damit anfreunden.
Werde ich meinen Frieden finden, wenn ein Monument den bescheidenen Markierungsstab an der Absturzstelle ersetzt und die würdevolle Ruhe der Natur stört?
© Brigitte Voß

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