16.08.2016, Dienstag – der zweite Geburtstag ohne ihn

♦ DREIUNDSIEBZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Meine Gedanken kreisen um Geburt, Kindheit und Tod. Das Gefühl, im falschen Film zu sein, erdrückt mich, ist übermächtig. Er ist weg, kommt nie zurück. Manchmal hoffe ich, dass er uns beobachtet. Besucht er uns heute aus der anderen Welt? Obwohl ich ebenfalls derartige Dinge äußere, glaube ich nicht wirklich daran. Es sind Schutzbehauptungen, die zurechtrücken, was zu fürchterlich ist. Mit ihnen kann ich den Tag besser ertragen. Ebenso Sprüche wie »In der Erinnerung lebst du weiter …«, u. Ä., gehören dazu, wenngleich die Realität täglich verdeutlicht, dass er tot ist.
Ungefragt erscheinen Bilder von Jens wie in einer Diashow vor meinem geistigen Auge. Ich sauge sie auf, obwohl sie eine tiefe Wehmut umhüllt, und vergesse das Hier und Jetzt. Dankbarkeit durchrieselt mich. Allerdings, so plötzlich wie sie auftauchen, verschwinden sie wieder, wenn beispielsweise ein Geräusch ablenkt oder sich Gedanken an den Alltag dazwischenschieben. Das Leben dreht sich unbarmherzig weiter und bringt Neues an Geschehnissen, Ideen und Gefühlen hervor, die auf Verarbeitung warten. Das fordert und drängt die Erinnerung an die bessere Zeit zurück. Bereits die Bilder im Kopf sind traurig. Jedoch entgleiten sie, werden sie blasser, versuche ich, sie mit aller Macht festzuhalten.
An einem Tag wie dem heutigen schmerzt die Vergangenheit besonders.
Jens hat Geburtstag, somit wollen wir, dass er im Mittelpunkt steht. Daher suchen wir einen Ort auf, den er seit seiner Kindheit mochte, den Wörlitzer Park. Wir spüren den Drang, uns durch das Zurückversetzen in die glücklichere Zeit, mit ihm zu verbinden, um gemeinsam den Ehrentag zu verbringen. Damals vergnügten wir uns oft mit den Kindern in der ausschweifenden Parkanlage. Hängebrücken, schwimmende Brücken, ein Hexenhaus sowie Grotten mit stockdunklen, unterirdischen Gängen versprachen Abenteuertum und Spaß. Sie konnten sich nach Herzenslust austoben. Auch später noch weilten sie gern an diesem Fleck.
Wir laufen auf denselben Wegen wie damals. Einige Bäume, teilweise fremdländischen Ursprungs, sind vertraute Bekannte. Ihnen sieht man die vielen Jahre an, die sie bereits erleben durften. Sie werden gehegt und gepflegt. Ihre Stämme sind knollig und rissig, die Äste biegen sich eigenwillig dem Himmel oder dem Boden entgegen. Einst schauten sie auf unsere Söhne herab, die ausgelassen unter ihren Wipfeln herumsprangen. Es waren glückliche Stunden.
Die Blätter rauschen im Wind. Es ist, als erkennen sie uns und wispern sich über den Tod von Jens zu. Sie vermissen ihn.
Am Nachmittag stehen wir mit unserer kleinen Familie vor dem Grab. Wir stoßen auf sein Wohl mit einem Gläschen Schnaps an und stellen ihm ein gefülltes neben die Blumen, die wir für ihn mitgebracht haben.
Die Enkelin möchte spielen. Ich lasse sie die ersten diesjährigen Kastanien suchen, die sie mit Begeisterung zwischen der Grabbepflanzung verteilt, und sage zu ihr: »Vielleicht beobachtet Onkel Jens, wie schön du das machst, und freut sich.«
»Wo?«, fragt sie prompt zurück.
»Ich weiß das nicht. Bestimmt sitzt er im Baum, nur können wir ihn nicht sehen, weil er tot ist.« (Immer wieder diese unrealistischen Gedanken!)
Sie schaut nach oben. Ihre Augen schweifen suchend durch die Äste.
Ich erkläre: »Er hat sich versteckt.« Das war unklug, denn jetzt möchte sie Versteckspielen.
Ich suche die stille Andacht und hocke mich hin, um das Gefühl zu bekommen, allein zu sein. Die anderen sind wortkarg. Sassa sucht erneut Kastanien für ihren toten Onkel Jens.
Als ich Zuhause den Posteingang sichte, bemerke ich, dass Freunde und sogar Menschen, die wir erst durch den Absturz kennengelernt haben, den Geburtstag beachten:
»Ich bin in Gedanken bei ihm, aber vor allem bei euch! Ich hoffe, dass ihr heute mit euren zwei Enkeln und Thomas wieder bei Jens auf dem Friedhof seid und einen Schnaps trinkt, dass ihr lacht und irgendwie fröhlich seid – auch wenn der Anlass so unvorstellbar traurig ist. Ich denke oft an euch und wünschte, ich könnte irgendwas tun, aber leider kann niemand etwas tun. Ich freue mich, immer von euch zu hören
Oder:
»Diese Tage sind für Sie als Eltern besonders schwer zu verkraften, aber vielleicht tut es Ihnen gut, dass wir alle an Sie denken
Am Abend sitzen wir beim Griechen, in einem Restaurant, das Jens gern besuchte. Früher zählten wir zu den Stammgästen.
Am liebsten würde ich in ein Schneckenhaus kriechen, um das Elend zu verdauen. Andererseits lenkt die Familie ab. Ich erfreue mich an Timo, der das erste Mal mit der bunten Kette, die im Kinderwagen über ihm hängt, spielt, danach greift und sie zum Schaukeln bringt. Luisa plappert altklug daher, ich spiele mit ihr. Es ist ein angenehmes Gefühl, gebraucht zu werden.
Ein fürchterlich trauriger Tag neigt sich dem Ende zu.
Jens wäre heute 39 Jahre alt geworden.
© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “16.08.2016, Dienstag – der zweite Geburtstag ohne ihn”

  1. Liebe Brigitte, ich empfehle dir das Buch: Leben nach dem Tod von Raymond A. Moody. Mein lieber Mann ist im März 2017 verstorben (88J.) Deshalb ist das jetzt auch mein Thema. Alles Gute, auch Deiner Familie von Christa

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