15.08.2016, Montag – der Grabstein der Familie Lubitz

Thomas ist von einer Dienstreise zurückgekehrt. Dass er das Flugzeug genutzt hat, erfahre ich erst hinterher. Ich nehme es schweigend hin. Wem nützt es, wenn ich mich vor Angst zermartere. Nie war ich ein ängstlicher Typ, doch das hat sich grundlegend geändert. Bleibt mein Mann unerwartet länger weg, klopft mir das Herz bis zum Kehlkopf und ich überlege, was alles passiert sein könnte. Entschwindet Sassa auf dem Drachenspielplatz des Zoos in einer der unübersichtlichen Spielburgen, vergehe ich vor krankhaften Befürchtungen, sie taucht nie wieder auf. Was sich die Erbauer gedacht haben, ist unklar. Das Kind klettert hinein und ist unserem Blick entzogen. Schreit es um Hilfe, kommen bereits leicht beleibte Eltern nicht durch entsprechende Öffnungen, um es zu retten. Allerdings ist das ein hypothetischer Fall, denn erlebt habe ich es bisher nicht.
Seit einiger Zeit bin ich besonders nervös und deprimiert. Trotz der schlaflosen Nächte bringe ich die endlos scheinenden Tage, denen erneut dunkle Stunden folgen, irgendwie über die Runden. Das zeugt von einer gewissen Zähigkeit, obwohl jedes Gespräch, egal mit wem, anstrengt. Glücklicherweise fällt die mangelnde Redebereitschaft weniger auf, weil ich, vorausgesetzt die Enkelin ist dabei, mit ihr das Zimmer unter dem Vorwand verlasse, sie zu beschäftigen. Allerdings schafft sogar sie es nicht, den bleischweren Trübsinn zu verscheuchen. Ich ziehe mich in mein Inneres zurück, denn unser Sohn hat morgen Geburtstag.
Mit heftigem Schwung landet das Tagebuch, das ich zuvor entstaubt hatte, auf dem Tisch. Ich scheitere bei dem Versuch, es zu lesen. Die Buchstaben, die die Entwicklung von Jens in der Baby- und Kleinkinderzeit wiedergeben, verschwimmen vor den Augen. Unmittelbar nach seiner Geburt hielt ich sie in dem Büchlein fest. Erneut nehme ich es auf und zwinge mich, es nicht wieder wegzulegen. Es klappt. Mit wachsendem Interesse blättere ich die Seiten um.
Die ersten Worte, die ersten tapsigen Schritte, seine zunehmende Neugierde auf alles, was ihn umgab – all die Fortschritte habe ich stolz zu Papier gebracht.
Wie in Zeitlupe schließe ich die Aufzeichnungen. Die Traurigkeit lähmt. Das Leben, das so hoffnungsvoll begann, wurde brutal vernichtet.
Intensiv sind die Bilder der Erinnerung.
Das Angehörigennetzwerk vermeldet durch grünes Blinken auf dem Handy Neuigkeiten. Was ich dort sehe und lese, lässt mich zunächst vollkommen zusammensinken. Mein Mann eilt herbei.
Morgen hat unser toter Jens seinen zweiten Geburtstag, ohne dass wir ihn umarmen oder wenigstens mit ihm telefonieren können. Niemals wieder. Das ist für immer vorbei. Mit diesem Gedanken im Kopf prangt mir ein detailliertes Foto vom Grabstein des Copiloten A. Lubitz mit entsprechendem Text entgegen, verbreitet von einem Boulevardblatt. Auf dem monumentalen, pompösen Granitblock erkenne ich ein Felsmassiv, das im Vollmond schimmert sowie ein Gewässer. Soll das etwa eine Anspielung auf den Flugzeugabsturz in den südfranzösischen Alpen sein? Wo bleiben die gewaltsam Getöteten? Nach dem »Wenn-schon-,denn-schon«-Prinzip müssten sie doch ebenso berücksichtigt sein. Offensichtlich denkt die Familie Lubitz darüber anders.
Die Kommentare der Angehörigen in der Gruppe sprechen für sich. Es ist von »Provokation« die Rede, gefolgt von Äußerungen wie »mir ist schlecht«, »schlicht wäre besser gewesen«, »nach der Danksagung keine wirkliche Überraschung«, »Hang zum Narzissmus«, »ekelhaft« und Schlimmeres, aber auch die Ausschlachtung durch die Medien wurde kritisiert.
Die Familie Lubitz trauert, das stelle ich ihr wahrhaftig nicht in Abrede. Der Sohn verstarb bei dem Absturz. Doch warum muss in der speziellen Situation die Trauer derart ignorant sein?
Aufmerksam betrachte ich das Foto. Neben dem Grabstein sehe ich eine runde Steinplatte mit der Aufschrift: »Mütter halten die Hände ihrer Kinder für eine Weile, ihre Herzen jedoch für immer.« Auf einer weiteren steht eine Grableuchte. Davor verkündet ein Spruch: »Und immer sind da Spuren Deines Lebens.«
Wie wahr gesprochen.
Jens wird stets in unserem Herzen sein. Was die genannten Spuren angeht, so haben sie für den Rest des Daseins die Seelen vieler Angehöriger gebrochen.
Morgen stehen wir vor seinem Grab. Eine fröhliche Geburtstagsparty mit ihm wird es nie wieder geben.
© Brigitte Voß

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