13.08.2016, Sonnabend – die Hainbuche

Es ist erst zwei Wochen her, dass wir aus Le Vernet zurückgekehrt sind, trotzdem würde ich am liebsten die Reisetasche packen, um auf der Stelle nach Südfrankreich zu fliegen. Die Sehnsucht nach Jens schmerzt und übermannt mein Denken.
Immer wieder erkläre ich mir selbst, dass er tot ist, und es daher keine Rolle spielt, wo ich mich aufhalte. Ich scheine nicht mehr ganz normal zu sein.
Ich träume von einer kleinen Ferienwohnung in dem Bergdorf, die uns gehört und die wir aufsuchen können, wann wir wollen.
Der Wille von Jens beeinflusst zuweilen unser Handeln – sogar über den Tod hinaus. Ein Beispiel: In der Nähe unserer Wohnung befindet sich ein See, der bei sommerlichen Temperaturen zum Baden einlädt. Durch seine Größe verteilen sich die Menschen am Ufer. Das Wasser ist klar, sodass es Freude bereitet, darin zu schwimmen. Wir wissen, Bewegung tut gut, jedoch die Antriebslosigkeit, die uns durch den unermesslichen Verlust nahezu lähmt, hindert.
»Wollen wir zum Schladi fahren?«, fragt mein Mann.
»Muss das sein?«, stöhne ich auf.
»Naja, so richtige Lust habe ich auch nicht, aber …«
»Ja, dann …«, falle ich ihm ins Wort
Er lässt nicht locker: »Wir sollten schwimmen, das Wetter ist schön, und überhaupt …«, er legt eine kurze Pause ein, um dem folgenden Satz eine besondere Note zu verleihen, »Jens hätte es so gewollt.«
Unser Sohn war verrückt nach Wasser, Schwimmen, Radfahren und Joggen. Er würde sich über dieses »Jens hätte es so gewollt«, womit wir uns gegenseitig motivieren, freuen.
Was würde er wohl zu dem Baum sagen, den wir ihm widmen wollen? Er befindet sich an einem anderen See. Sein Bruder kam auf die Idee, an der Aktion »Für eine baumstarke Stadt« teilzunehmen. Wir haben Geld gespendet, um Baumpate zu werden. Damit leisten wir einen Beitrag zum Pflanzen von Bäumen in den öffentlichen Parks oder auf Plätzen und städtischen Friedhöfen.
Das zum Baum gehörende Widmungschild mit einem persönlichen Text ist in Arbeit und wird auf einer Holzstele davor angebracht. Wir konnten unter fünf Standorten wählen und freuen uns, dass es mit dem kleinen See geklappt hat, den wir gewünscht hatten. Jens und sein Bruder umkreisten ihn als Kinder freudig (später ebenso) mit der Kleinbahn, die auch heute noch von einer Dampflokomotive gezogen wird, sie schusselten auf dessen vereister Oberfläche oder begleiteten uns beim Spaziergang. Leider durften sie nie darin baden, da es wegen der Qualität des Wassers verboten war.
Den Baum haben wir bereits besucht. Es ist eine Hainbuche, die mir ausnehmend gut gefällt. Sie lebt auf einer Wiese, an deren Rand der Zug vorbeischnauft und dabei ein dampfendes Tuten erschallen lässt. Steht der Wind günstig, können wir es aus der Ferne auf unserem Balkon hören.

Die Hainbuche kann bis auf 25 m wachsen und etwa 150 Jahre alt werden. Ihr Holz ist hart und schwer. Es ist das robusteste, das in Europa wächst.
In der Bachblütentherapie wird ihre Essenz bei seelischer Erschöpfung empfohlen, wenn man denkt, es geht nicht mehr weiter, oder sich überfordert fühlt. Sie soll der geistigen Frische, Lebendigkeit, Kräftigung und Stärkung dienen.
Die Mythologen behaupten, die Hainbuche sei eine beharrliche Helferin sowie treue Begleiterin. Sie halte die Hand schützend über uns und verstehe, was wir erreichen wollen. Sie tue alles, um uns zu unterstützen, und sei absolut vertrauenswürdig.

Ihre Eigenschaften sind perfekt auf unsere Situation zugeschnitten, obwohl die Stadt Leipzig nichts davon wusste, als sie den Baum zuwies. Es ist die Art von Zufällen, die eigentlich keine sind.
Ich hoffe, dass die Hainbuche ihre Energien im Sinne von Jens auf uns überträgt und uns positiv beeinflusst. Denn bereits Shakespeare schrieb im »Hamlet«: »Es gibt mehr Ding zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumt, ….«
Dieser weltberühmte Mann muss es ja wissen.
© Brigitte Voß

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