05.08.2016, Freitag – versüßtes Warten

Mein Leben weist ein Loch auf, das niemals gestopft werden kann, denn Jens bleibt für immer verschwunden. Allerdings könnte es etwas schrumpfen, würden die Mühlen der Justiz flinker rotieren. Es fehlt der entsprechende Wind.
Ich gewinne den Eindruck, dass bei Terroranschlägen die Behörden unter Einsatz aller Reserven die Ermittlungen vorantreiben. Es ist der Staat, der gefährdet wird. Doch wer fühlt sich bedroht, weil 149 Insassen in einem Flugzeug ihr Leben lassen mussten?
Der unmittelbare Täter wurde von den Untersuchungsbehörden ermittelt. Er ist bekannt, und damit gibt sich ein Großteil der Menschen zufrieden. Außerdem vertreten sie die Meinung, es wäre unwahrscheinlich, dass sich Ähnliches in baldiger Zukunft wiederholen wird. Eile ist nicht geboten. (Meine Erwiderung: ›Es war ebenfalls äußerst unwahrscheinlich, dass Jens ausgerechnet in solch einen Flieger stieg.‹) Ich muss mich wie die anderen Angehörigen in Geduld im Warten auf gerichtliche Neuigkeiten üben.
Die französischen Untersuchungsrichterinnen arbeiten langsam, von der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft hört man absolut nichts und die angestrebten Klage in den USA zieht sich wie ein außerordentlich dehnbares Band in die Länge. Der Chef des Airline Training Centers in Arizona (ATCA) muss schwere Vorwürfe verdauen. Dem Center wird bekanntlich angelastet, A. Lubitz vor Aufnahme in das Ausbildungszentrum ungenügend überprüft zu haben. (Siehe dazu obige Blogverlinkung). Es hätte ihn nicht zur Pilotenausbildung aufnehmen dürfen und sei daher verantwortlich, dass der Flug mit selbstmörderischer Absicht stattfinden konnte. Sorgfaltspflichten wurden gröblichst verletzt.
Die Flugschule weist jegliche Schuld von sich. Die Gegenanwälte halten eine Klage in den USA unzulässig, weil wir Hinterbliebenen keine US-Bürger sind. Außerdem sei die Ausbildung des A. Lubitz in Arizona nur von kurzer Dauer gewesen, das wesentliche Training sowie die Fluglizenz habe er in Deutschland erhalten. Sie fordern die Einstellung des Verfahrens.
Der Schriftverkehr zwischen den Anwälten wechselt hin und her. Die USA haben die Klageschrift eingereicht, die Gegenseite hat die Klage erwidert, die US-Rechtsanwälte haben natürlich dagegengesetzt und der derzeitige Stand ist, dass auf die Stellungnahme der Gegenseite gewartet wird. Warten! Und irgendwann trifft die Entscheidung eines amerikanischen Gerichts ein, ob die Klage in den USA angenommen wird oder nicht.
Ich möchte, dass alle, die am Tod von Jens und den anderen armen Opfern eine Mitschuld tragen, bestraft werden. Eine unbestimmte Ahnung sagt mir, dass dies niemals stattfinden wird, worüber ich mich gräme. Wenigstens benannt sollen sie werden.
Es ist wohltuend, Ablenkung mit unseren Enkeln zu finden. Wir sind als Großeltern gefragt. Manchmal passen wir auf Timo auf, und Sassa fordert knallhart ihre Wünsche ein. So bleibt es nicht aus, dass wir Spielplätze aufsuchen, auf denen wir früher Spaß mit den eigenen Kindern hatten, auch wenn wehmütige Erinnerungen um Einlass bitten. Beobachte ich sie beim Herumtollen, erinnere ich mich, wie es war, als ich mit Jens in ihrem Alter hier spielte. Die greisen, aber immer noch kräftigen Bäume können es bezeugen. Sie überleben mehrere Generationen, sofern sie nicht gefällt werden.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, jene Plätze wieder zu sehen. Oft sind sie mit kinderfreundlicheren Geräten ausgerüstet. Doch einer Rutsche hat die Stürme der Zeit unbeschadet überstanden, denn sie besteht aus Beton.
Sassa erklimmt sie, zögert einen Augenblick und gleitet nach unten. Ich fange sie auf wie damals Jens. Trotz der Traurigkeit bin ich froh, dass er auf gewisse Weise in der 3-jährigen Enkelin weiterlebt.
Plötzlich fragt sie mich: »Wie lieb hast du mich?«
»Wie den Opi«, antworte ich.
»Nein, genauer. Wie lieb ist das?«
»Wie Leim«, rutscht es mir heraus.
Mit fragenden Augen schaut sie mich an. Das war wohl ein ungünstiges Beispiel.
Ich versuche, ihr zu erklären, dass es Leim gibt, der zwei Holzstücke derart zusammenkleben kann, dass niemand fähig ist, sie wieder zu trennen. »Ich habe dich so lieb, wie diese bärenstarke Kraft, die in dem Leim wohnt«, beende ich mit einem Fragezeichen im Kopf die Ausführungen. Wider Erwarten ist Sassa damit zufrieden und bohrt nicht weiter. Ich atme auf.
Stattdessen sagt sie: »Und ich habe dich so lieb, wie meine Mama mich lieb hat.«
Mir wird ganz warm ums Herz, denn das ist ein grandioses Kompliment.
Oft sind es die kleinen, kurzen Momente, die ein Feuer der Freude entfachen können – manchmal für ein Leben lang. Wir müssen sie nur erkennen.
© Brigitte Voß

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