31.07.2016, Sonntag – im Seniorenheim

Meine Schwiegermutti trägt stattliche 93 Jahre mit sich herum, trotzdem funktioniert ihr Körper erstaunlich gut, nur beim Laufen wird sie von geschwächten Beinen getragen und ist etwas wacklig. Sie hat zwei Kinder geboren, eines davon hat eine simple Operation nicht überlebt. Verbittert hat sie am liebsten darüber geschwiegen.
Sie ist dement, obwohl wir glauben, dass sie zumindest ihre Familie erkennt, auf jeden Fall meinen Mann.
Wir besuchen sie im Heim, wo sie in der Dementenabteilung untergebracht ist, und nehmen an einer Feierlichkeit teil. Gemeinsam mit den Senioren sitzen wir zur Kaffestunde am Tisch. Schweigend führen sie den Kuchen zum Mund und trinken vom duftenden Kaffee. Gespräche kommen nur schleppend in Gang.
Die Schwiegermutti, deren Gesicht von tiefen Falten zerfurcht wird, unterbricht die Stille, die uns umfängt, und erklärt, dass ihre Mutti sie bald wieder nach Hause holt. Sie erzählt Dinge, aus einer Welt, die nicht mehr existiert und teilweise nicht stimmen können. Ich zeige Interesse und dringe in ihre Fantasien ein. Ihre Augen leuchten auf.
Die Seniorin neben ihr fällt unvermittelt in unsere Unterhaltung ein. Sie fragt: »Wo ist meine Handtasche? Wo habe ich sie liegen gelassen? Hat sie jemand gesehen?« Einige in der Runde schütteln mit den Kopf. Sie wird hektisch und fährt sich mit der Hand durch die kräftigen, weißen Haare. »Wo soll ich schlafen?«, schallt sie durch den Raum. Die Herrschaften am Tisch lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie will wissen: »Was ist mit mir? Wer bin ich?«… »Ach bringt mich doch einfach um!« … »Ach bringt mich doch einfach um.« Schließlich erkundigt sich ihre Tischnachbarin, die auffallend elegant gekleidet ist: »Wie sollen wir dich denn umbringen?«
»Ach bringt mich doch einfach um!«
»Wie denn! Na, wie denn?«
Der Dialog wiederholt sich und ist nicht zu stoppen, weil eine der beiden stets von Neuem beginnt.
Unwillkürlich denke ich an Jens, der im Airbus saß. Er wollte nicht getötet werden. Er hing am Leben, an seinem wertvollen Leben.
»Ach bringt mich einfach um.« Die Seniorin lässt nicht locker.
Während sich eine Pflegerin um sie kümmert, überlege ich: ›Wäre es nicht besser, diese Welt zu verlassen, bevor man dement beziehungsweise derart krank wird, dass man auf fremde Hilfe angewiesen ist?‹ Niemand weiß, was ihm im Alter erwartet – Qual oder wissender Lebensgenuss?
Auch jüngere Menschen können von schweren Krankheiten und leidvollen Lebenswegen betroffen sein. War es gar eine Vorsehung, dass Jens vorzeitig sterben musste? Hätte er sonst Schlimmeres erleben müssen? Eine Krebserkrankung? Liegt darin der Sinn seines Todes? Rasch schiebe ich die unliebsame Idee beiseite und das Gesicht meiner lieben Freundin Gitti drängt sich in den Vordergrund. Bei klarem Verstand hatte sie sich gegen einen Suizid entschieden, obwohl sie wusste, dass sich ein bösartiger Tumor durch ihr Gehirn fraß und zu furchtbaren Ausfällen führen würde. Die ärztliche Kunst war machtlos.
Sie sah dem plötzlichen Lebensende mehr oder weniger gefasst entgegen. Wir erlebten, wie sich ihr Gesundheitszustand Schritt für Schritt verschlechterte, bis sie bettlägerig wurde, nicht mehr sprechen konnte und ihr Geist allmählich verblasste. Der Tod war für sie eine Erlösung.
›Hatte Jens im Flugzeug Qualen erlitten?‹ Die Gedanken drehen sich im Kreis und finden keine Lösung.
»Bringt mich doch einfach um.« Die Worte der Seniorin bringen mich in die Gegenwart zurück.
Eine Betreuerin unterhält sich angeregt mit meinem Mann. Ich höre, wie sie erklärt, wie schlimm es für ältere Menschen sei, wenn Familienmitglieder weit vor ihnen sterben. Sie erinnert sich an eine 100-jährige Heimbewohnerin, die erfahren musste, dass ihr Enkel, den sie großgezogen hat, gestorben ist. Sie legte sich kurzerhand ins Bett, verweigerte jegliche Nahrunaufnahme und trank auch nicht mehr. Ein Vierteljahr später starb sie.
Mein Mann und ich sehen uns an. Wir haben seiner Mutti nicht erzählt, dass Jens ums Leben gekommen ist. Wir fürchten ihren Zusammenbruch. Obwohl sie dement ist, würde diese Information in ihr tiefstes Bewusstsein dringen. Sie würde seinen Tod voll erfassen.
Auf dem Nachhauseweg sitze ich in Gedanken über das Lebensende versunken auf dem Beifahrersitz, als mich die Nachricht eines Angehörigen erreicht, der mir eine Datei schickt. Die Bemerkungen, die sie begleiten, erwecken Neugierde, sodass ich den Beitrag sofort mit dem Handy öffne. Nach einigem Suchen entdecke ich den kritisierten Absatz und lese in einem Wirtschaftsmagazin ein Interview mit Lufthansa-Chef Carsten Spohr. 16.07.23_Spohr_BilanzEr äußert:«… Und das Jahr 2015 war mit Abstand das emotional schwierigste in der Geschichte des Unternehmens. An erster Stelle wegen des tragischen Verlustes eines Flugzeuges …«
(Quelle: Wolfgang Kaden: »Auf schmalem Grat«, Bilanz, Juli 2016, S. 18)
Es wird nur die materielle Einbuße genannt. Die Opfer, die sich an Bord des Fliegers befanden, finden keinerlei Erwähnung.

© Brigitte Voß

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