29.07.2016, Freitag – Reise nach Le Vernet (7)

Es ist heiß. Der Weg zum Denkmal ist ausgeschildert. Die Piste verengt sich, und ich bin froh, dass kein Fahrzeug entgegenkommt. Schließlich treibt mein Mann den Mietwagen einen unbefestigten Weg hinauf. Seitliche Abgrenzungen, die darauf hinweisen, dass es an den Hängen teilweise steil abwärts geht, existieren nicht. Ich atme auf, als wir nach etwa 20-minütiger Fahrt oben ankommen. Die durch Schlafmangel und Schmerztropfen angekratzten Nerven lassen mich in meinem Schatten stehen – ein unangenehmer Zustand, den die Melancholie verstärkt. Trotzdem nehme ich die faszinierende Landschaft mit den hohen Bergen wahr, denen der Sonnenschein ein mildes Antlitz verpasst. Man sieht ihnen nicht an, dass sie ein dunkles Geschehen verbergen.
Die Stele steht in der Nähe des Ortes Saume Longe, der nur aus wenigen Gebäuden besteht. Die Stäbe sind beweglich und sollen im Sturm aneinanderschlagen, sodass sie weithin zu hören sind. Ich suche den 150. Stab und finde ihn tatsächlich nicht. Mir gefällt das Denkmal. Eine Fahnenkette gibt die Nationalitäten der Opfer wieder.
Wir fahren zurück nach Marseille, zum Flugplatz.
Wir stoppen für eine kurze Pause in Le Mees und bewundern die bizarren Felsen, die über den Häusern thronen.

Eine längere legen wir an einer Autobahnraststätte ein, um einen Espresso zu trinken. Drinnen wedelt uns angenehme, kühle Luft ins Gesicht. Als ich die Damentoilette betrete, zucke ich unwillkürlich zusammen. Decke, Fußboden sowie Türe begrüßen mich mit umfangreichem Rosa. Enkelin Sassa hätte wahre Freude daran.
Wir laufen zum Auto, das glücklicherweise unter einem schattigen Baum parkt. Der Asphalt strahlt eine unwahrscheinliche Hitze ab.
Letztendlich geben wir das Fahrzeug wohlbehalten in der Autovermietung ab.
In der Flughafenhalle sitzen wir gelangweilt herum. Ich beobachte die Uniformierten, die mit vorgehaltener Waffe hin und her patrouillieren und überlege, wo ich hinfliehen könnte, wenn plötzlich eine Schießerei losginge. Selbst die Fantasie langweilt sich und erzeugt gruselige Bilder im Kopf.
Endlich öffnet der Schalter von Lufthansa.
Mit den Boardkarten in der Hand werden wir im Sicherheitscheck strengstens kontrolliert. Mein Mann muss die Objektive der Kamera vorzeigen, und der Passagier vor mir stöhnt in einer fremden Sprache entnervt vor sich hin, da er stets die falschen Gegenstände aus seinen Taschen hervorwühlt, um sie in die Kontrollschalen zu legen, obwohl die Sicherheitskräfte anderes sehen wollten. Vor der Ausweiskontrolle windet sich eine ellenlange Warteschlange, die wir verlängern. Schließlich haben wir das Prozedere überstanden und sitzen bis zum Boarding in der Lounge. Der Flug verläuft reibungslos. Nach einem Zwischenstopp in Frankfurt am Main landen wir zu später Stunde auf dem Flugplatz Leipzig/Halle.
Der Taxifahrer, ein betagter Rocker mit Pferdeschwanz, empört sich unverhältnismäßig, weil die Ausfahrt mit Bussen und parkenden Fahrzeugen verstopft ist, die dort nichts zu suchen hätten. Die Besitzer seien zu geizig, die fünf Euro für die dafür bestimmten Parkplätze zu bezahlen. In der Tat ist es für den übersichtlichen Airport zu dieser mitternächtlichen Zeit ungewöhnlich belebt. Es sind wohl mehrere Urlaubsflieger gleichzeitig gelandet. Der tobende Choleriker am Lenkrad erregt in mir Widerspruch. Jegliches Verständnis ist für solch ein Getöse abhandengekommen. Wozu regt er sich derart auf? Es gibt Schlimmeres!
© Brigitte Voß

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