28.07.2016, Donnerstag – Reise nach Le Vernet (3)

Wir haben einen vollen Tag in Le Vernet vor uns, ohne dass wir Stunden für das Pendeln vom Hotel in Aix-en-Provence in die Berge und zurück abziehen müssen.
Die Dame des Hauses drückt uns das für den Tag vorbereitete Picknickpaket in die Hände. Die Speisen befinden sich in unterschiedlichen Behältern in einer dazugehörigen Umhängetasche.
Wir schnüren die Bergschuhe und stiefeln zu dem von Lufthansa organisierten Taxifahrer, der bereits auf uns wartet. Wir erklären ihm, dass er uns nur bis zum Col de Mariaud fahren soll. Alles andere möchten wir zu Fuß bewältigen. Souverän fährt er uns mit dem allradbetriebenen Fahrzeug über die Piste steil hinauf. Offensichtlich kennt er sämtliche Querrinnen, denn stets verringert er kurz vorher das Tempo, um sie sanft zu nehmen, damit wir nicht zu heftig durchgerüttelt werden. Vor einer Schranke, die den öffentlichen Fahrweg von dem Rest der Strecke absperrt, hält er an, steigt aus und öffnet sie mit dem erforderlichen Schlüssel. Je mehr wir uns dem Sattel nähern, desto jämmerlicher wird mir zumute. Es sind dieselben Gefühle, die mich zwischen Weihnachten und Neujahr übermannten. Damals wanderten wir das erste Mal unmittelbar zum Ort des Flugzeugabsturzes. Ich kneife die Augen zusammen, um die Tränen zurückzudrängen. Oben angekommen, verabschiedet sich der Fahrer mit herzlichen Worten. Er drückt jedem von uns eine Flasche Wasser in die Hand und schenkt uns Souvenirs aus der Region, zwei eingeschweißte Edelweiße. Er versichert sich, ob er uns auf dem Rückweg nicht doch abholen soll, was wir nochmals ablehnen, und wartet, bis wir hinter der nächsten Biegung verschwunden sind. Wir sind allein.

Den Weg kennen wir. Die Ausblicke auf die Katastrophenregion verstärken den Kloß in meinem Hals. Wir laufen an der Aussichtsplattform vorbei, die im Entstehen begriffen ist. Viel ist bisher nicht geschehen. Es stehen Steine für das Fundament herum, der Untergrund ist etwas eingeebnet worden.
Die Sonne erhitzt zunehmend die Luft, allerdings ist es aushaltbar, weil wir luftig gekleidet sind. Nach dem Abstieg vom Sattel geht es erneut bergauf, bis wir die letzte Absperrung erreichen. Sie schmiegt sich an die seitlichen Felsen und scheint auf dem ersten Blick unüberwindbar. Verbotsschilder in den Sprachen der Opfer verkünden: Bis hierher und nicht weiter! Auch in Deutsch, so dass ich mich nicht herausreden könnte, sollte uns die Gendarmerie erwischen.


Hinzugekommen ist eine bunte Wimpelkette, die zwischen einem Baum und dem Gitter befestigt ist. Sie wirkt fremdländisch, und wir rätseln über die Schriftzeichen, die wir nicht zuordnen können.
Wir kriechen durch die bewegliche Geröllklappe, die den Metallzaun unterbricht und über das Bachbett wacht, damit es nicht mit Steinen verstopft wird, welches das abströmende Wasser mit sich reißt. Doch jetzt ist es nahezu ausgetrocknet.
Ich kämpfe gegen das Gefühl an, das sich ungefragt einstellt. Es ist eine Mischung aus Angst, Grauen und abgrundtiefer Traurigkeit.

Wir nähern uns einem übermächtigen, zwiespältigen Ort. Das brutale Wissen, was hier geschah, drängt dessen wahre Schönheit in den Hintergrund. Der Rhythmus der Schritte, die ihren Weg steil hinauf über den Gebirgsschotter finden, beruhigt mich. Er hat etwas Meditierendes. Schließlich breitet sich der Todesfelsen vor uns aus. Die Flugzeuge, die mehrere Minuten am Himmel dröhnten, lassen eine intensive Stille zurück.
Hektisch fotografiere ich, unterbreche, schaue starr auf den Ort des Massensterbens, steige im Bachfeld bergauf, bleibe stehen und ziele mit dem Smartphone wiederholt auf den gelben Stab, der den Erstaufprall des A 320 markiert.
Meine entfesselte Vorstellungskraft lässt den Airbus mit heulendem Getriebe auf den kleinen Felsgrat einschlagen. Ich betrachte die umgebenden Felsen sowie die wenigen Bäume, die weiter oben wachsen, und überlege, was davon Jens in seinen letzten Lebenssekunden gesehen haben mag. Die Schneise der Baumstämme, denen der Flieger die Kronen abriss, ist unauffällig. Hoffentlich hatte unser Sohn rechtzeitig die Besinnung verloren und nichts von dem Grauen mitbekommen.
Es ist ein merkwürdiges Gebiet, das die Logik in mir entschärft.
Ich denke in anderen Dimensionen und bin froh darüber, weil ich hier die Nähe von Jens spüre, irgendwie ist er hier. Woher soll man das mit dem einfachen Menschenverstand wissen?


© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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Ein Gedanke zu “28.07.2016, Donnerstag – Reise nach Le Vernet (3)”

  1. Liebe Brigitte,
    diese unvorstellbare Katastrophe vor gut zwei Jahren hat mich im tiefsten Inneren meines Herzens erschüttert und nimmt mich immer noch sehr mit. Jeden Tag denke ich an die Opfer. Ich kann nicht begreifen, wie das Leben einfach ohne sie weitergeht, wo doch noch so viel vor ihnen lag und sie so viele Pläne hatten. Ich frage mich, wie die Angehörigen das ertragen sollen. Es ist so eine großen Ungerechtigkeit auf der Welt. In diesen Tagen, als vor zwei Jahren die Beerdigungen stattfanden, ist mein Herz besonders schwer, weil mir ganz bewusst wird, wie endgültig dieser Abschied ist und wie endlos und hoffnungslos die Trauer derer, die sie so schmerzlich vermissen. Ich bin Anfang des Jahres auf Ihren Blog gestoßen und was ich dort gelesen habe, tut sehr weh. Ich finde es sehr schöne und mutige Idee von Ihnen und es ist wichtig, damit ihr Sohn und die anderen Opfer nicht vergessen werden. Heute sind meine Gedanken ganz besonders bei Jens. Es tut mir so unendlich leid um ihn und um sein Leben, dass ihm einfach weggenommen wurde. Es fällt mir schwer, an einen Ort zu glauben, an dem er jetzt gut aufgehoben, aber ich bete so sehr darum. Ich hoffe, dass Sie liebe und verständnisvolle Menschen um sich haben, die ihnen Kraft und Trost geben, sodass sie den Tag irgendwie überstehen und ihren Weg ohne Jens weitergehen können, so schwierig es auch ist.
    Von Herzen alles Gute, Sophia aus Bamberg

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