27.07.2016, Mittwoch – Reise nach Le Vernet (2)

Die Urlauber, die die Stele besuchen, nehmen Anteil an den unschuldigen Menschen, die so grauenvoll sterben mussten, obwohl sie selbst nicht unmittelbar betroffen sind. Es zeigt, dass sie die Katastrophe berührt. Vielleicht machen sie sich darüber Gedanken, wie verwundbar das Leben doch ist, dass man es bewusst genießen sollte, bevor Ereignisse zuschlagen, die es möglicherweise für immer verdunkeln, dass nicht alles so selbstverständlich ist, wie wir es oft empfinden. Häufig setzen wir falsche Prioritäten und bemerken es erst, wenn es zu spät ist. Dazu ist eine gesunde Portion Vertrauen notwendig, in die Familie, aber ebenso in die uns umgebende Gesellschaft. Inwieweit können wir fremden Mitmenschen noch trauen – den Piloten, den Lenkern anderer öffentlicher Verkehrsmittel? Wir müssen einen Zielort erreichen und steigen deshalb ein. Oftmals haben wir keine Wahl. Wir verlassen die Wohnung, um einzukaufen, uns mit Freunden in einer Gaststätte zu amüsieren, um ein Konzert, vielleicht auch Fußballspiel zu verfolgen oder einfach nur, um frische Luft zu schnappen. Niemand weiß, ob die Person, die einem zufällig entgegenkommt, plötzlich ein Messer hervorholt und zusticht oder ein LKW aus seiner Spur schert, um auf dem Fußweg Passanten zu überrollen. Wir sind gezwungen Vertrauen zu haben, ansonsten wäre das Leben sinnlos und kein Lebensgenuss möglich. Wir würden in Totenstarre verfallen und wären zu nichts mehr fähig.
Die Stele ist neben dem Gedenken an die Opfer der Flugzeugkatastrophe zugleich Mahnung, unser Dasein bewusst zu gestalten, weil es äußerst verletzlich ist.
Nachdem wir die wenigen Sachen in die Schränke verstaut haben, gehen wir zur Stele und zünden für unseren Sohn eine Kerze an.

Wir betreten den über einen Code zugänglichen Gedenkraum. Wir sind allein. Lange verweile ich vor der Stelle des Tischs, die wir für Jens gestaltet haben. Es kostet Mühe, meinen Mann zu überzeugen, dass er die Schokolade, die er für ihn zum Jahresgedenken im März mitbrachte, zu entfernen, bevor er den Nachschub aus dem Rucksack packt.

Ich trenne mich von Jens, um die Erinnerungsstücke zu betrachten, die die Familien aus aller Welt liebevoll für ihre Toten auf den vorhandenen Ablagen ausgebreitet haben. Aufmerksam sehe ich in die Gesichter, die mir aus den Fotos entgegenstrahlen und die es nur noch in der Erinnerung gibt. Von einigen kennen wir die Hinterbliebenen, die Lebensumstände der Opfer und was sie in das mörderische Flugzeug geführt hatte. Es sind keine Unbekannten mehr.
Der Raum kommt mir heute tatsächlich größer und schöner vor als zum ersten Jahresgedenken. Wir sind die einzigen Besucher. Damals wurde er mit der Begründung neu eingeweiht, der bisherige sei zu klein. Die bequemen Sitzmöbel, die in der Mitte einen Tisch umringen, gefallen mir. Darauf liegt ein Kondolenzbuch, das von den Angehörigen genutzt wird, um ihre Gedanken an die Lieben hineinzuschreiben. Sogar an einen Behälter mit Zellstoff hat man gedacht, um die Tränen abzuwischen. Ich blättere in dem Buch. Auch wir nutzen es und teilen Jens mit, dass sein Neffe Timo das Licht der Welt erblickt hat. Sicherlich hätte er an dem Baby viel Freude gehabt.

Wir suchen den Friedhof auf. Trotz der Abendstunde ist es fürchterlich heiß. Die sinkende Sonne versengt fast meinen Rücken, während wir vor dem Grab stehen. Wir zünden Kerzen an.

Den Rest des Tages sitzen wir in der Außenanlage des Restaurants unter einem Sonnenschirm und schauen auf die Bergkette.
Die Speisekarte ist für uns Ausländer eine Herausforderung. Ich versuche, die handschriftlichen Kreidekritzeleien auf der Tafel zu entziffern, die die Dame des Hauses vor uns hingestellt hat, und anschließend vom Französischen ins Deutsche zu übersetzten. Eine englischsprachige existiert leider nicht.
Die Sonne versinkt hinter den Bergen. Plötzlich ist es empfindlich kalt.
Morgen wollen wir zur Absturzstelle wandern.
© Brigitte Voß

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