27.07.2016, Mittwoch – Reise nach Le Vernet (1)

Das erste Mal verlassen wir Deutschland, um auf direktem Wege nach Le Vernet zu reisen. Das ist erfreulich, weil uns die Gästezimmer des Hotels „Le Domaine du Vernet“ zur Verfügung stehen und daher einen nützlichen Zeitgewinn vor Ort mit sich bringen. Wir ersparen uns die Bettenburgen in Marseille oder Aix-en-Provence und damit die endlos erscheinende Fahrerei mit Shuttle nebst Chauffeur in die Berge und wieder zurück, die je nach Ausgangsort insgesamt sechs bzw. vier Stunden am Tag raubt.
Am Flugplatz von Marseille holen wir in der Autovermietung den für uns vorbestellten Wagen ab. Keiner der Angestellten spricht deutsch. Eine Verständigung auf Englisch wäre möglich, auch müheloser für mich, doch lege ich Wert darauf, im Lande der Franzosen französisch zu sprechen, gemäß der Weisheit „Übung macht den Meister“. Als Meister gehe ich zwar nicht hervor, allerdings klappt die Kommunikation, trotz mangelnder Fachvokabeln. Oft stelle ich mir später die Frage, wie das funktionieren konnte und bin maßlos erstaunt.
Wir sind das erste Mal auf uns allein gestellt. Mit Hilfe der Erinnerung und des Navis orientieren wir uns gut und erreichen problemlos Le Vernet.
An der Rezeption des 11 Betten umfassenden Hotels werden wir schon erwartet. Die Dame des Hauses ist weder des Deutschen noch Englischen mächtig. Sie ist nett. Da ich erschöpft bin, stresst es, ihre Erklärungen zu verstehen und unsere Wünsche vorzubringen. Mein Mann, der sich nicht für Fremdsprachen interessiert, steht mit entsprechend relaxter Miene neben mir und beobachtet wohl die Schweißperlen, die auf meiner Stirn hervortreten. Bei derartigen Dingen verlässt er sich voll auf mich.
Sie zeigt uns das Zimmer. Es ist sauber und einfach eingerichtet, enthält aber alles, was notwendig ist. Der Schrank ist geräumig, an der Wand befindet sich ein Schreibtisch, darüber ist ein Fernseher befestigt, es existieren zwei Stühle und natürlich Schlafmöglichkeiten. Die Toilette ist separat und ohne Waschbecken. Das haben wir in Südfrankreich bereits des Öfteren erlebt. Die Hände kann man sich im benachbarten Duschraum waschen.
Ich öffne das Fenster, erblicke die Stele und die wunderbare Bergwelt, hinter der sich Fürchterliches abspielte. Die Natur kann nichts dafür, es ist der Mensch, der sie schändet, in welcher Form auch immer das geschieht.

Plötzlich nähern sich Fahrzeuge und parken am Waldesrand. Personen steigen aus und laufen Richtung Gedenkstein. Sie sehen wie Urlauber aus: mit Rucksack auf dem Rücken, Sonnenhut auf dem Kopf und luftiger Kleidung am Körper. Vor der Stele verharren sie. Sie passieren nicht die Umzäunung, die sie umgibt. In ihrem Inneren befinden sich Kerzen, in Steine gepresste Fotos oder hineingeritzte Sprüche der Trauer und wehmütigen Erinnerung. Die Fantasie der Familien ist grenzenlos, wenn es darum geht, Grüße an ihre Lieben zu hinterlassen.
Die Unbekannten wenden sich ab und gehen langsam zurück zu  den Autos.
Zunächst befremdet es mich, dass offensichtlich ein gewisser Katastrophentourismus stattfindet, denn es vergeht nur wenig Zeit, bis eine weitere Gruppe einem Fahrzeug entsteigt, um die Stele zu besichtigen. Doch nach einigem Nachdenken komme ich zu dem Schluss, dass es gut und richtig ist, weil …
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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