26.07.2016, Dienstag – Amok

♦ 70 WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Ein Angehöriger, der seine Tochter, den kleinen Enkel und den Schwiegersohn durch die Germanwings-Katastrophe verlor, stellte bereits mehrere Strafanzeigen, so auch gegen die Eltern des 27-jährigen Copiloten und dessen Freundin.  Er erhebt schwere Vorwürfe.
Mutter und Freundin von A. Lubitz  standen in Kontakt mit den Ärzten, die ihn behandelten. Die Mutter begleitete ihn sogar zu einer Sprechstunde des Psychologen – nur wenige Wochen, bevor er den Airbus zum Absturz brachte.
Ich bin überzeugt, dass er durch die zahlreichen Medikamente, die er zu sich nahm, ein verändertes Wesen zeigte. Zumindest als Mutter müsste man das wahrnehmen. Hinzu kommen die Medikamentenverpackungen, die sichtbar im Zimmer herumgelegen haben sollen.
All dies legt auch für mich den logischen Schluss nah, dass sie von seinem desolaten gesundheitlichen Zustand wussten. Trotzdem hinderten sie ihn nicht, weiterhin Passagiermaschinen zu steuern. Haben sie wenigstens versucht, mit ihm darüber zu diskutieren? Oder bei Dritten Rat gesucht?
Und wieso wartete die Familie ausgerechnet an jenem 24. März 2015 in der Düsseldorfer Wohnung auf die Rückkehr von A. Lubitz, wie die Akten wohl behaupten? Ahnten sie etwas? Als er nicht kam, habe die Freundin eine Tasche mit seinen Medikamenten und Arztunterlagen gepackt. Seltsam!
Es wird berichtet, der Copilot habe einen Tag vor der Katastrophe eine Patientenverfügung geschrieben. Ist das ein Zufall?
Herr Radner möchte die Wahrheit herausfinden. Ich hoffe, dass es Antworten geben wird. Schlüssige Erklärungen zu sämtlichen Vorgängen, die sich um den Flug 4U9525 ranken, würden mich ein bisschen zur Ruhe kommen lassen.
Freunde und Bekannte schildern A. Lubitz als freundlich und umgänglich. Oft stelle ich mir die Frage, wie er aufgewachsen ist. Experten betonen gern, wie wesentlich die Kindheit für die Entwicklung eines Menschen ist. Wurde er von strenger Hand erzogen? Litt er unter Erwartungsdruck? Wie verlief die Schulzeit? War er ein dominantes Kind oder wurde er gehänselt?
Ich bin der Meinung, dass er bereits einen gewissen Lebensfrust in sich getragen hatte, bevor ihm unmittelbar vor Augen stand, er könnte wegen des erneuten verschlechterten Zustandes der Psyche die Fluglizenz für immer verlieren.
Die erste depressive Episode erlitt er zwischen August 2008 und Juli 2009. Er musste sich einer psychotherapeutischen Behandlung unterziehen.
Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes befürchtete er, sein Darlehen für die teure Pilotenausbildung nicht zurückzahlen zu können. Hinzu kam die Angst zu erblinden. Es ist anzunehmen, dass die seelischen Leiden für die Sehstörungen verantwortlich waren. A. Lubitz muss unter heftigem Stress gestanden haben. Er konsumierte Drogen, das heißt Schlafmittel und Psychopharmaka. Offensichtlich richteten sie gegen Schlaflosigkeit und Depression kaum etwas aus.
Im Internet soll er nach wirksamen Selbstmordmethoden gesucht haben. Ach hätte er doch sich allein umgebracht. Setzten ihm Versagensängste derart zu, dass er das Bedürfnis hatte, ein Zeichen zu setzen, indem er die Insassen des Flugzeuges mit sich in den Tod riss? Er nahm das Sterben der ihm anvertrauten Personen, darunter Kinder, Babies und schwangere Frauen, bewusst in Kauf.
Die Gewalttaten des diesjährigen Juli ergänzen leider meine trübsinnigen Überlegungen:
Am 14. Juli, Frankreichs Nationalfeiertag, fuhr in Nizza ein 31-jähriger Tunesier mit einem Kühlwagen wahllos und in Schlängellinien über die Feiernden hinweg, die auf der Strandpromenade Spaß haben wollten. 85 Menschen verloren dabei ihr Leben und mehr als 300 wurden verletzt. Dem Attentäter Nahestehende wussten, dass er Alkohol trank, an Depressionen litt und sich vor Jahren einer psychologischen Behandlung unterzog. Er habe es nicht verkraftet, dass sich die Ehefrau mit den drei gemeinsamen Kindern von ihm getrennt hatte. Er sei nie religiös gewesen, nie in einer Moschee gesehen worden.
Polizeiliche Ermittlungen ergaben, dass er im Internet nach Möglichkeiten von Selbstmordanschlägen recherchierte.
Am 18.07. schlug ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan wild mit einer Axt auf die Passagiere eines Regionalzuges bei Würzburg ein bzw. stach mit dem Messer zu. Es gab fünf Schwerverletzte. Die ihn kannten, erklärten, er hätte einen freundlichen Charakter gehabt. Niemandem sei er vorher als radikal aufgefallen.
Vier Tage später, am 22.07., kam es zu einer Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum in München. Der 18-jährige Amokläufer wurde in Deutschland geboren, seine Eltern stammen aus dem Iran. Er tötete 9 Fahrgäste, 35 wurden verletzt. Der Vater berichtete von einer psychischen Erkrankung, weswegen er vergangenes Jahr stationär und anschließend ambulant behandelt wurde. Er erkrankte an Depressionen und Phobien. Andere meinten, er sei schüchtern, ja ängstlich aufgetreten, Gleichaltrige hätten ihn grausam gemobbt, ihm fehlten Freunde. Er soll den Anschlag seit längerem geplant haben.
Am 24.07. sprengte sich ein 27-jähriger Syrer nahe der Veranstaltung eines Musikfestivals mit 2500 Besuchern in Ansbach in die Luft. Er selbst starb, 15 Menschen wurden teilweise schwer verwundet. Ein Mitbewohner sagte, er habe ihn niemals beten sehen. Offenbar war er kein fanatischer Muslim, obwohl die Behörden von einem islamischen Hintergrund ausgehen. Der Verbrecher sei depressiv, traumatisiert und suizidal gewesen.
Nun könnte man den Schluss ziehen, Depressive und psychisch Auffällige sind potentielle Massenmörder. Würde dies zutreffen, hätte sich die Menschheit längst gegenseitig ausgerottet, denn mittlerweile gilt die Depression als Volkskrankheit. Es müssen noch andere Komponenten wirken, wie zum Beispiel das soziale Umfeld und die Persönlichkeitsstruktur des Betreffenden, die im komplexen Zusammenspiel zu derartigen Straftaten führen.
Dabei spielt für mich keine Rolle, ob man nur für sich tötet oder für eine Religion. Das mag für die Untersuchungs- und Sicherheitsbehörden von Bedeutung sein. Sowohl Amokläufer, -fahrer oder -flieger als auch Terroristen töten Menschen. Das verschafft ihnen ein Moment der absoluten Macht, nämlich der zwischen Leben und Tod. Sie meucheln, um ihren persönlichen Problemen ein Ventil geben zu können, und erzeugen absichtlich Angst und Horror. Das ist letztendlich ihr Ziel. Sie wollen auf sich aufmerksam machen und verschaffen sich einen gigantischen Abgang, wohlwissend, dass sie in aller Munde sein werden. Ob das nun im Rahmen einer Glaubensrichtung wie dem IS geschieht, ist nicht unbedingt wesentlich, denn einige der Mörder hatten vor ihrer Tat nie etwas damit zu tun gehabt. Sie hinterlegen zwar manchmal IS-Bekennerschreiben, doch ob sie im Auftrag des IS handelten, ist oft nicht erwiesen.
Die blutigen Gräben, die die Attentäter hinterlassen, vertiefen sich und beeinflussen das öffentliche Leben rund um den Erdball. Sie sind gefüllt mit den zahllosen toten Opfern. Ihre Ränder säumt ein Heer traumatisierter Hinterbliebener. Täglich werden es mehr.
© Brigitte Voß

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