13.07.2016, Mittwoch – sein letztes Buch

Ich lege das Buch, das ich soeben beendet habe, auf den Tisch. Lange war die Hemmschwelle zu hoch, ich konnte es einfach nicht lesen.
Wie so oft in vergangener Zeit streiche ich über das Titelblatt. Es offenbart den Autor namens Markus Heitz und den Titel »Oneiros – Tödlicher Fluch«, der von einem Schmuckring mit Totenkopf eingerahmt wird.
Nachdenklich lässt es mich zurück: Ist das alles nur Zufall? Gibt es eine Vorsehung, die uns die Zukunft enthüllt? Vielleicht sind uns die Sinne abhandengekommen, sie wahrzunehmen und zu interpretieren.
Erneut nehme ich das Taschenbuch in die Hand, wobei die Finger den Buchrücken umfassen, und blättere mit der anderen die Seiten um. Genauso hatte es Jens getan. Nur wusste er nicht, dass es sein letzter Roman war, überhaupt der allerletzte, den er las.
Ich erinnere mich: Er zeigte mir das Buch, als er uns besuchte und empfahl es wärmstens. »Das gefällt dir bestimmt auch.«
»Das glaube ich kaum«, erwiderte ich, nachdem mir der Klappentext offenbarte, dass der Autor im Genre Fantasy schreibt, und das ist nicht so mein Ding.
»Der Inhalt ähnelt einem Thriller. Du musst das unbedingt lesen«, antwortete er.
Ich blieb skeptisch.
Doch jetzt gebe ich ihm Recht. Die Handlung ist eine gute Mischung aus Dark Fantasy, Thriller und Kriminalroman. Ich habe mit Neugierde gelesen, denn für Horror und Thrill bin ich nach wie vor zu haben.
Was gäbe ich inzwischen darum, mit ihm darüber diskutieren zu können. Leider ist es zu spät. Außerdem gibt es ein davor und danach, ein Leben mit Jens und das derzeitige Dunkelleben ohne ihn. Das ergibt unterschiedliche Sichtweisen.
Ihm gegenüber hätte ich nach der Lektüre beurteilt: »Interessanter Plot … ungewöhnliche Fantasie … da muss man erst mal drauf kommen … der Horror kommt originell verpackt daher … unbedingt spannend … überraschende Wendungen …«, usw.
Jetzt, im Dunkelleben ohne ihn, bleibt die Einschätzung zwar bestehen, allerdings hat sich die Perspektive auf den Inhalt geändert.
»Oneiros« beginnt mit einem Flugzeugunglück. Unter den Passagieren sitzt eine rätselhafte Person. Nach der Landung rast der A 380 ungebremst in ein Terminal des Flughafens Paris-Charles de Gaulle. Sämtliche Insassen sind bereits tot, als das Flugzeug auf das Gebäude trifft.
Ich bekam Gänsehaut, als ich diesen Prolog las, und wollte das Buch für immer weglegen. Doch blätterte ich noch eine Seite um und las die folgende Kapitelüberschrift »Leipzig, Deutschland«. Natürlich interessierte mich das, da es sich um meine Heimatstadt handelt.
Ein Bestatter betritt die Szenerie. Einblicke in den Beruf eines Thanatologen werden gegeben. Er erhält den Auftrag, einer der verstorbenen Verunglückten die vorherige Schönheit wiederzugeben, damit sie bei der Aufbahrung wie lebend aussieht, um den Angehörigen den Abschied zu erleichtern. Ihr Leichnam wurde durch den Aufprall stark verunstaltet.
Immer wieder drängen sich Vergleiche zur Germanwingskatastrophe auf. Im Fall unserer Lieben wäre seine Kunst vergebens gewesen. Von ihnen haben wir wenige Körperteile, wenn nicht nur Hautgewebe, o. ä. zurückerhalten.
Weitere Personen füllen die Handlung. Auf einigen lastet ein Fluch, der für jeden, der sich in ihrer Umgebung aufhält, zur tödlichen Gefahr werden kann, sogar ohne Willen der Verursacher. Tod und Schlaf spielen eine bedeutende Rolle.
Und so führt die Story auch nach Barcelona und Madrid. Ein Fußballspiel findet zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid statt. Sämtliche Besucher des Madrider Stadions müssen sterben.
Schon wieder ziehe ich Parallelen zum Germanwingsdrama. Unter den Opfern des Fluges 4U9525 befinden sich zwei iranische Sportreporter. Sie weilten in Barcelona, um das wichtigste Spiel in der Primera Division zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid, den so genannten Clasico, mitzuerleben. Zwei Tage später stürzten sie in den französischen Alpen ab. Einer von ihnen wurde in Le Vernet begraben.
Von all dem hatte Jens beim Lesen keine Ahnung. Es war sein allerletzter Roman, der in eine tödliche Zukunft wies. Wie anders soll ich das interpretieren? Merkwürdig erscheint mir die Vielzahl der Bezüge zur realen Katastrophe. Ist das ein Zufall?
© Brigitte Voß

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