05.07.2016, Dienstag – Warten und Schmerz

♦ SIEBENUNDSECHZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Die nichtöffentliche Informationsveranstaltung der Untersuchungsrichterinnen fand vor einigen Tagen in Paris statt. Wir hätten daran teilnehmen können. Viele Angehörige haben sich durch ihre Rechtsanwälte vertreten lassen, so auch wir.
Das Rechtssystem in Frankreich bietet die Möglichkeit, juristische Personen, das heißt, Unternehmen wie Lufthansa beziehungsweise Germanwings anzuklagen. In Deutschland dagegen werden nur natürliche Personen strafrechtlich verfolgt.
Der französische Staatsanwalt Robin hatte drei Richterinnen beauftragt, wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt zu ermitteln. Die Untersuchungen erfolgen unabhängig von den deutschen.
Wir treten als Nebenkläger auf. Das hat den Vorteil, dass wir auf Wunsch volle Akteneinsicht erhalten und nach französischem Strafrecht Einfluss auf die Wahrheitsfindung und somit auf den Prozess nehmen können. Wir haben das Recht auf alle Informationen, die auch der Staatsanwaltschaft in Frankreich zur Verfügung stehen.
Aufgrund der Ermittlungen wird entschieden, ob ein Strafprozess in Marseille eröffnet wird. Unsere Rechtsanwälte gehen davon aus, dass das geschehen wird.
Das Treffen in Paris brachte keine neuen Erkenntnisse. Im Januar 2016 hatten die Ermittlungsrichterinnen einen 6000 Seiten umfassenden Zwischenbericht herausgegeben, der in den folgenden Tagen in deutscher Übersetzung bereitgestellt wird. Die Richterinnen ermitteln, und ich höre des Öfteren, dass sie dafür viel Zeit beanspruchen. Sie seien gründlich und daher langsam. Stets sind wir gezwungen, auf wichtige Dinge zu warten …
Ich sitze im Wartezimmer, um mich wegen der leidigen chronischen Schmerzen von der Physiotherapeutin behandeln zu lassen. Ab und zu verschafft sie Linderung.
Sie erscheint in der Tür. Ich hinke an ihr vorbei in das Behandlungszimmer. Natürlich fragt sie nach der Ursache. Ich zeige ihr den geschwollenen Fuß, den ich mir in Haltern durch einen Sturz zugezogen habe. Sie meint, mit dem Knochen sei alles in Ordnung, aber die Bänder wären total überdehnt. Das erkläre die heftigen Beschwerden. Sie könne mit einer äußerst schmerzvollen Therapie, einer Faszienbehandlung, helfen, ich müsse nur einverstanden sein. Mit dem plötzlichen Gedanken im Kopf: ›Ich möchte nicht wissen, was Jens während des Absturzes für ein Martyrium erleiden musste‹ sage ich ohne weiteres Nachdenken zu. Ihre Finger graben sich in meine Wade und ziehen in schmerzhaften Linien eine Spur, gleichermaßen verfährt sie mit der betroffenen Knöchelregion. Ich presse die Zähne zusammen, um nicht zu schreien.
Auf dem Nachhauseweg bemerke ich mit Erstaunen, dass ich wieder normal laufe. Die Schmerzen haben wie durch Zauberei nachgelassen. Die Leichtigkeit ist angenehm.
Dass man Schmerzen mit Schmerzen behandeln kann, ist für mich eine neue Erfahrung. Ich überlege, ob man das Prinzip auf den psychischen Schmerz anwenden könnte. Er quält, aber ich finde keinen Ausweg.
Sehe ich Fotos, auf denen Jens abgebildet ist, verbinde ich sie sofort mit dem Flugzeugabsturz, ob ich es will oder nicht. Bereits das ist schmerzlich. Bin ich gut drauf, vertiefe ich mich in sie. Erinnerungen tauchen auf. Sie versetzen mich in eine vergangene, bessere Zeit fern jeglicher Realität. Schließlich lege ich das Bild beiseite. Mit aller Härte wird bewusst, dass er tot ist. Das Herz fängt an zu rasen. Unser Sohn ist erneut gestorben. Ich bin trauriger als vorher.
Ich stehe vor einem seelischen Scherbenhaufen, und wenn ich mit der Faust hineinhaue, um ihn zu zerschlagen, tut es weh. Die Scherben bleiben und ein Teil davon bohrt sich zusätzlich in meine Haut. Die Pein verschlimmert sich.
© Brigitte Voß

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