26.06.2016, Sonntag – ein Jahr nach der Beerdigung unseres Sohnes

Seit einem Jahr müssen wir uns daran gewöhnen, dass eine Urne mit der Asche von Jens existiert und auf dem Friedhof begraben ist. Das wird nie gelingen. Oft besuchen wir ihn am Grab, sprechen oder lachen mit ihm, Tränen fließen .
Doch heute stoßen die Erinnerungen besonders intensiv und wehmütig auf. Sein Leben mit all den schönen, aber auch ernsten Momenten blitzt in ungeordneten Bildern in mir auf..
Denken wir an die Beerdigung, können wir nicht verdrängen, wie übel uns bei der Überführung des Sarges von Frankreich nach Deutschland mitgespielt wurde.
In letzter Zeit bin ich unkonzentrierter als sonst. Vorgestern stürzte ich in Haltern am See, weil ich einen Bordstein übersah.
Wir fuhren in die Stadt, um an einer Informationsveranstaltung der Anwälte teilzunehmen. Am Nachmittag des Anreisetages liefen wir durch die verwinkelten Straßen, vorbei an den gepflegten Häuserreihen und besuchten die Schule, die an jenem Märztag mit einem Schlag sechzehn Schüler und zwei Lehrerinnen verlor.

Lange weilten wir vor der Gedenktafel. Wir lasen die Namen der Opfer, für die das Leben noch unzählige Möglichkeiten offen hielt. Die schlimmste hatte niemand erwartet. Hinter jedem verbirgt sich eine Vergangenheit, die wir teilweise durch die Vernetzung von uns Angehörigen kennen. Die Gesichter einiger Eltern tauchten beim Lesen vor meinem inneren Auge auf.
Die Innenstadt war belebt. Die Menschen saßen auf den zahlreichen Freisitzen vor den Cafés, Milchbars und Restaurants. Die mittelgroße Stadt wird für immer mit dem Germanwings-Drama verbunden sein.
Auf dem Nachhauseweg übersah ich einen Bordstein und verdrehte mir während des Stürzens den Fuß. Ich humpelte noch mit zum Friedhof, wo sich die Gräber mehrerer Jugendlicher befinden. Doch die Verletzung wurde unerträglich. Ich schaffte es kaum zurück ins Quartier, wo ich keinen einzigen Schritt mehr zustande bekam, was durchaus wörtlich zu nehmen ist. Mein armer Mann!
Anstatt dass wir am folgenden Tag wie geplant an der Informationsveranstaltung teilnahmen, fuhren wir gleich nach dem Frühstück nachhause. Die Schmerzen zuckten bis ins Hirn. Um die langen Gänge des Hotels, in dem das Treffen stattfinden sollte, zu bewältigen, hätte ich einen Rollstuhl gebraucht.
Jetzt rolle ich sitzend auf dem Schreibtischstuhl durch die Wohnung und halte vor dem Wandfoto von Jens an. Tief schaue ich ihm in die Augen. Mitunter schaffe ich es nicht, ihn anzusehen, weil das Wissen, er kommt nie wieder, überwältigt.
Das Regal über dem Schreibtisch ist ihm gewidmet. Darauf stehen Fotos, aus denen er uns entgegenlacht, Steine vom Absturzort in den südfranzösischen Alpen, ein knorriger Zweig aus Le Vernet und ein Tannzapfen, den wir in dem umgebenden Wald gefunden haben. Das Holzkreuz der Kölner Trauerfeier sowie die abgebrannte Domkerze gehören ebenfalls dazu. In der Ecke steht ein gemusterter Karton. Dahinein haben wir die von ihm verbliebenen Gegenstände gelegt, die die Bergungskräfte an der Absturzstelle entdeckt haben. Manchmal nehme ich sie heraus, betrachte das Foto auf seinem kaum zerstörten Personalausweis und berühre die anderen Dinge. Vorsichtig lege ich sie wieder hinein und verschließe die Schachtel mit dem Deckel. Bunte Blumen dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Das Regal erinnert mich an die Familienaltare, die ich vor vielen Jahren während meiner Japanreise in einigen Wohnungen sah. Sie sind den toten Familienmitgliedern gewidmet. Die Familien stellen Gaben für sie davor, oft sind es Früchte in einer Schale, und entzünden ein Räucherstäbchen wie wir täglich eine Kerze für Jens. Sie beten.
Ich erinnere mich an den japanischen Friedhof, den ich allein in Ruhe besuchte. Ich lief durch die Reihen der eng beinanderliegenden Urnengräber. Alles, was in dem Land der aufgehenden Sonne mit dem Tod zusammenhängt, ist buddhistisch. Die meisten verstorbenen Japaner werden eingeäschert. Blumen schmückten die Erdhügel. Ich sah aufgetürmtes Obst, rote Colabüchsen und andere Getränke, die den Dahingegangenen mitgegeben wurden. Außerdem ragte an jedem Grab eine lange Holzlatte in die Höhe, auf der in Handschrift die nichtirdischen, neuen Namen standen, die die Toten erhielten. Ich wollte fotografieren, aber ich konnte es nicht, weil mich das beklemmende Gefühl beschlich, dass sie noch lebten und in Frieden gelassen werden wollten.
Am Nachmittag gehen wir zu Jens auf den Friedhof. Es ist wohltuend still, nur die Vögel zwitschern. Der Geruch des Sommers kraucht in die Nase. Die alten Bäume werfen Schatten.
© Brigitte Voß

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