15.06.2016, Mittwoch – Gevatter Tod

Trotzdem mein Mann vor wenigen Wochen in den Ruhestand getreten ist, ändert sich in unserem Dasein nichts. Seit dem Tod von Jens ist er unfähig, in die Firma zu gehen, obwohl er die Arbeit gern verrichtete. Am 24.03.2015 ging er wie jeden Tag früh aus dem Haus, ohne zu ahnen, dass es sein allerletzter Arbeitstag sein würde. Mein einschneidender Anruf kam. Er eilte nachhause. Um uns herum veränderte sich das Leben. Es ist erschreckend, welch Wendung es nehmen kann.
Sorge macht mir, dass er sich kaum für die Fußballeuropameisterschaft interessiert, die derzeit in Frankreich ausgetragen wird. Das passt so gar nicht zu ihm und ist wider alle Regeln.
Dass Körper und Seele eine Einheit bilden, gehört zum Allgemeinwissen. Die Psyche beeinflusst die Widerstandskraft eines Menschen, den Verlauf von Krankheiten sowie die Intensität von Schmerzen. Trotzdem bin ich erstaunt, wie immens diese Wechselwirkung ist: Ein Abszess am Zahn heilt einfach nicht ab, muss mehrfach geschnitten werden und, egal, was für Antibiotika ich verschrieben bekomme, juckende Hautallergien sind das Ergebnis. Seitdem Jens in den Unglücksflieger stieg, toben sich die Gefühle rücksichtslos in meinem Organismus aus. Positiv ist, dass ich wieder zugenommen und das frühere Gewicht erreicht habe. Ich hoffe, dass dadurch die Gesundheit stabilisiert wird.
Für mich ist das Schreiben das allerbeste Mittel gegen die Rückenschmerzen, die jede Sekunde genüsslich an mir nagen. Tabletten helfen dagegen kaum. Nur das Fieber zu Beginn des Zahnabszesses erschwerte das Formulieren und ließ die Finger auf die falschen Tasten fallen. Das war eine verwirrende Erfahrung, die glücklicherweise der Vergangenheit angehört.
Die Nächte beeinflussen mit abgrundtiefer Finsternis die Gedankenwelt. Die Albträume haften noch immer wie Pech an meiner Seele. Ich träume von Jens und Mord, von ekelhaften Würmern, Monstern und übergroßen Steuerknüppeln im Cockpit. Wache ich endlich auf, frage ich nach dem „Warum?“ Ich hadere mit dem Schicksal und sinniere über den Tod. Schließlich werde ich kreativ und damit ist die Nachtruhe endgültig vorbei. Gern würde ich mit ihm ins Gespräch kommen. Ich rufe mir Märchen ins Gedächtnis, die ihn zum Inhalt haben. Sie zeigen, dass man mit dem Tod reden kann. Er lässt sogar mit sich verhandeln, wie zum Beispiel in „Der Gevatter Tod“ der Gebrüder Grimm. Wir wären uns einig geworden. Mein Leben für das jüngere von Jens.
„Ich bin der Tod, der alle gleich macht“, äußert er in der Erzählung. Möchte ich, dass Jens, wenn er schon sterben musste, jetzt dem Mörder ebenbürtig ist? Denke ich an die Beerdigung der nichtidentifizierten menschlichen Reste auf dem Friedhof in Le Vernet, an die Behälter aus Holz, die diese enthalten und den Widerwillen, der bei der Vorstellung aufkommt, unser Sohn müsste solch einen Sarg mit dem Copiloten teilen, regt sich enormer Diskussionsbedarf. Ich würde den Tod fragen, wieso er die Lebenden, bevor er sie zu sich holt, mit Schmerzen und Krankheiten schlägt, sie gar Panik durch Gewaltverbrechen oder Katastrophen erleiden lässt. In einem anderen Märchen der Gebrüder Grimm, „Die Boten des Todes“ argumentiert er zwar Fieber und Schmerz kündigen sein Kommen an, allerdings von Höllenängsten spricht er nie.
Aus welchen Gründen erlaubt er das Sterben infolge Gewalteinwirkung? Wie ist das mit den Lebenslichtern zu vereinbaren, die gemäß „Der Gevatter Tod“ in der Höhle des Todes flackern? Die der Passagiere und der Crew von Flug 4U9525 hätten mit Sicherheit noch lange brennen müssen. Mörder führen den Tod hinters Licht und das mag er bekanntlich nicht. Warum nimmt er die Verbrecher nicht zu sich, bevor sie ihre Menschen verachtende Taten ausführen, sodass Unschuldige vom Tod verschont bleiben? Er behauptet doch, Macht über jedes Leben zu haben, es beenden zu können, wenn es so weit ist.
Ich habe eine Unmenge Fragen an den Tod. Um kein Aufsehen zu erregen, könnte er mich nachts gern besuchen, nur so, zum Diskutieren, damit ich ihn besser verstehe. Ich fürchte ihn nicht.
© Brigitte Voß

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