08.06.2016, Mittwoch – sie könnten noch leben

Germanwings organisiert und bezahlt auch weiterhin die Besuche in Le Vernet, das sind die Flüge, zwei Übernachtungen, die Fahrten vom Flugplatz Marseille zum Hotel, von dort aus in die Berge und, wenn gewünscht, ein Transport zum Col de Mariaud, um der Absturzstelle nah zu sein. Es wurde gemunkelt, dass diese Zuwendungen nach dem ersten Jahresgedenken abgeschafft würden. Glücklicherweise ist das nicht eingetreten. Eingeschränkt wurde der infrage kommende Personenkreis. Zu ihm gehören Ehegatten, Kinder, Eltern/Stiefeltern, Geschwister/Stiefgeschwister, Lebenspartner, Großeltern, Enkel sowie Adoptiveltern und Vormünder. Wie lange die Unterstützung bestehen bleibt, ist unklar. Es ist schwer abzuschätzen, wie sich der Wunsch nach derartigen Reisen entwickeln wird. Was meinen Mann und mich angeht, werden wir, solange uns das Alter noch einigermaßen »krauchen« lässt, Le Vernet und damit unseren verstorbenen Sohn besuchen.
Wir haben bisher unzählige Lichter für Jens in Deutschland und Frankreich angezündet. Es ist ein Ritual, das viele Menschen brauchen, um ihren toten Lieben nahe zu sein. Daher werden wir Hinterbliebenen darauf hingewiesen, dass im gesamten Gebiet um Le Vernet und Prads, das heißt, ebenso am Col de Mariaud und dem Weg zur Absturzstelle, keine brennenden Kerzen aufgestellt werden dürfen. Die Wahrscheinlichkeit der Wald- und Buschbrände ist in Südfrankreich sehr hoch.
Die Presse teilt mit, dass der Angehörige, der bereits gegen die Fliegerärzte/Gutachter des Aero Medical Center, Frankfurt/Main und das Luftfahrt-Bundesamt Strafanzeige erstattet hat, jetzt auch die Hausärztin des Copiloten anzeigt. Er wirft ihr vor, sie hätte, obwohl sie wusste, dass ihr Patient als Pilot arbeitete, weder das Luftfahrt-Bundesamt noch seinen Arbeitgeber, die Lufthansa, über die diagnostizierten seelischen Störungen (Psychose, Angst- und Schlafstörungen) und die ungeklärten Sehstörungen informiert. In derartigen Fällen sei die Schweigepflicht außer Kraft gesetzt. Allerdings hat mir eine Psychologin erklärt, dass sie erst dann von dem Gebot entbunden ist, wenn ihr ein Patient ankündige, eine Tat ausführen zu wollen, die die öffentliche Sicherheit gefährde. Die deutsche Regelung der Schweigepflicht ist offenbar eine Auslegungssache.
Die Hausärztin verschrieb dem Copiloten ein hochwirksames Schlafmittel (mit den Nebenwirkungen: erhöhte Suizidalität, Gedächtnisstörungen, Wahrnehmungseinschränkungen, u.a.), obwohl die EASA (Europäische Agentur für Flugsicherheit) den Piloten verbiete, Schlaftabletten einzunehmen. Bei Lubitz hätte eine absolute Fluguntauglichkeit vorgelegen. Die Ärztin sei mitverantwortlich für den Tod der Insassen des Fluges 4U9525. Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit sei eine Mitteilung an die oben genannten Behörden unerlässlich gewesen.
Dies ist das vermutliche Fehlverhalten einer einzelnen Person, die sich in eine Kette von Verantwortlichen reiht, die ihre Pflichten nicht erfüllt haben. Durchdenke ich all die Fakten, die bisher weder offiziell erwiesen noch sich als falsch herausgestellt haben, wird mir gelinde gesagt unwohl. Menschen im Umfeld des Copiloten wussten, dass er seelische Störungen hatte, dass seine Sehkraft erheblich eingeschränkt war, er diverse Psychopharmaka einnahm … und dass er den Beruf eines Piloten ausübte. Niemand zog die Notbremse!
IST LUBITZ EIN EINZELFALL?
Der arme Jens, er könnte noch leben.
Manchmal möchte ich schreien.
© Brigitte Voß

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