26.05.2016, Donnerstag – Angehörigentreffen der Notfallseelsorge in Düsseldorf

Leider klappt es nicht immer, dass wir an den Angehörigentreffen, die die Notfallseelsorger organisieren, teilnehmen können. Doch für dieses Mal hat uns der Kalender grünes Licht gezeigt. So sitzen wir erneut im Kreis des uns vertrauten Raumes einer kirchlichen Einrichtung in Düsseldorf und berichten, wie es uns in letzter Zeit ergangen ist. Die Diskussionen werden von einem permanenten Murmeln begleitet, da sich in unserer Mitte ausländische Familien mit ihren Simultandolmetschern befinden. Für eine von ihnen ist das Prozedere der Einreise nach Deutschland kompliziert. Offensichtlich hindert sie das nicht, an den Zusammenkünften teilzunehmen.
Die geäußerten Meinungen ähneln sich auffallend: Die Traurigkeit hemme die Aktivitäten und belaste den Alltag. Das hoffnungslos machende Wort ›lebenslang‹ wird in diesem Kontext oft erwähnt.
Plötzlich sagt Mirko: »Sie kommen nie zurück.«
Niemand antwortet. Stumme Zustimmung.
»Ich kann mir immer noch keine Fotos von meinem Kind ansehen«, wird die Stille unterbrochen.
Eine Mutter erwidert: »Mir macht das nichts aus. Am liebsten betrachte ich die Bilder aus der Baby- und Kinderzeit.«
Die Meinungen hierzu unterscheiden sich enorm. Was für den einen Hilfe in der Trauerbewältigung ist, ist für den anderen der pure Schmerz, der die Wunden vertieft …
»Uns sagt man, wir sollen endlich einen Schlussstrich ziehen, Loslassen, uns wieder der Normalität zuwenden, die Trauer hinter uns lassen, nach vorn sehen … Oder wie man das alles nennt.«
Rege wird diskutiert. Derartige Äußerungen von Mitmenschen stoßen bei uns auf Unverständnis. Es ist unmöglich, nach solch einem Ereignis das frühere Leben unverändert fortzusetzen.
»Die anderen können sich nicht in uns hineinversetzen, weil sie es selbst nicht erlebt haben.«
Das geforderte Loslassen würde bedeuten, dass wir von den Toten lassen. Sie vergessen. Sie nicht mehr lieben. Aber das funktioniert beileibe nicht. Einhellig vertreten wir dieselbe Meinung. Ich bin froh darüber, da ich feststelle, den Leidensgenossen ergeht es wie mir. Das tröstet gewaltig.
»Das alles ist einfach nur belastend«, wirft Emma in den Raum.
›Oder sind gar wir die Belastung?‹, geht es mir spontan durch den Kopf …
»Und worüber sich die Außenstehenden so Gedanken machen. Wurde ich doch neulich gefragt, ob mein Sohn wieder eine neue Freundin hat. Als ob er Petra so schnell vergessen könne.«
Allerdings meldet sich eine junge Hinterbliebene zu Wort und berichtet unter Tränen, dass sie bereits einen anderen Partner gefunden habe und er ihr ungemein helfen würde, den Kummer zu verarbeiten.
In der Pause gehen die Gespräche bei einem kleinen Snack weiter. Wir erfahren von Familien, die wegen Erbschaftsangelegenheiten zerstritten sind oder in denen Partnerschaften Zerreißproben unterliegen, weil die Geschlechter unterschiedlich mit ihrem Schmerz umgehen.
Der Kaffee tut mir gut, denn ich bin angespannt.
Erneut sitzen wir in der Runde beisammen. Es gibt vieles, worüber wir sprechen wollen. Eine Idee lässt mich aufhorchen, nämlich ein Buch zu schreiben, in dem jeder Angehöriger über den Verstorbenen erzählt oder nur Fotos veröffentlicht. Zustimmung und Ablehnung halten sich die Waage. Einige sind nicht bereit, ihre Trauer mit der Öffentlichkeit zu teilen. Eine der ausländischen Gäste berichtet, wie die Presse nach Bekanntwerden der Germanwings-Tragödie ihr Haus tagelang belagerte und sie es nicht verlassen konnte und auch nicht wollte, weil sie ihre Kinder vor den Journalisten beschützen musste. Sie hätte dringend einen Arzt gebraucht. Ihr ging es miserabel. Aufgrund dieses Erlebnisses möchte sie ihren privaten Rahmen gewahrt wissen.
»Wir könnten doch das Buch nur für uns schreiben und zum Beispiel im Gedenkraum in Le Vernet auslegen«, kommt der Vorschlag aus der Ecke.
Eine Angehörige der Birgenair-Katastrophe erzählt aus ihrer Erfahrung. Die Familien haben erst zehn Jahre nach dem Flugzeugabsturz in der Karibik ein Buch verfasst, in dem nicht nur die Hinterbliebenen, sondern ebenso Psychologen zu Wort gekommen sind. Aber bis es dahin kam, sei ein langer Prozess gewesen.
Wahrscheinlich ist es in unserem Fall noch zu früh, so etwas zu verwirklichen.
Zumindest wird eine Gruppe »Buch« gegründet, die das Projekt im Auge behalten soll.
Damit ist der offizielle Teil des Treffens beendet.
Am Abend finden wir uns in lockerer Runde wieder, bedienen uns vom Buffet und sitzen in Grüppchen an den Tischen verteilt. Wir plaudern über dies und das, sind lustig, doch kreisen die Gesprächen oft um das Unglück, das uns aus der Bahn geworfen hat.
Lachen und Weinen liegen eng beisammen.
© Brigitte Voß

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