25.05.2016, Mittwoch – Öffentlichkeit und Trauer

Ich sitze beim Friseur und zumeist die Frauen reden ununterbrochen. Normalerweise erfährt man viel, was in der Umgebung passiert, sich im Alltagsleben ereignet und wie das allgemeine Volk die große Politik beurteilt. (Ein Grund, weswegen Journalisten den Haarschneider aufsuchen sollten.)
Allerdings beschleicht mich derzeit der Eindruck, in einen Hort von Verschwörungstheoretikern geraten zu sein. Sie unterhalten sich lebhaft über den Fall Germanwings. Dabei würde es nicht mit rechten Dingen zugehen.
Eine Kundin: »Es ist komisch, dass von der Maschine nur Pulver übrig blieb. Da steckt mehr dahinter.«
Eine Friseuse: »Mein Mann sagt, die zweite Blackbox habe man verdächtig spät gefunden. Wenn alles so pulverisiert war, hätte man sie sofort entdecken müssen. So etwas ragt doch raus.«
Eifriges Diskutieren darüber.
Der einzige männliche Kunde im Raum: »Die mit ihrer Selbstmordtheorie. Das haben die einfach zu früh gewusst und bekannt gegeben, wo es normalerweise Jahre dauert, bis Ursachen von Flugzeugunglücken aufgedeckt werden. Die schieben den Lubitz nur vor, um irgendeine Schweinerei zu vertuschen.«
Die Frau neben ihm: »Stimmt! Hollande, der Franzose, der hat viel zu zeitig verkündet, dass es keine Überlebenden gibt, nur wenige Stunden hinterher. Das konnte er zu dem Zeitpunkt nicht wissen.«
»Die Familien der Verunglückten wollen Millionen einstreichen«, weiß eine Kundin.
»Na die würde ich auch nehmen, könnte ich gebrauchen, bei meiner Tochter …«, erwidert die Friseuse.
Mir ist unbehaglich in dieser Gemeinschaft und bin froh, als ich das Geschäft mit geschnittenen Haaren endlich verlassen kann.
Der Germanwings-Absturz ist von öffentlichem Interesse. Das zeigen auch die Berichterstattungen der Medien, die mich zunehmend interessieren, jedoch oft aufwühlen, die Zahl der Kommentare unter den Online-Zeitungen und die Meinungen in den Netzwerken und zahlreichen Blogs. Jeder darf seinen Senf dazugeben. Äußern sich unsere Rechtsanwälte den Reportern gegenüber, werden deren Ansichten gern auf den Websites konkurrierender Kollegen spitzzüngig analysiert.
Verständlich ist das alles, handelt es sich doch um den größten Massenmord der Nachkriegszeit in Deutschland. Leider können Ärger und Aufregungen, die die Öffentlichkeit mit sich bringt, die Trauer gewaltig stören. Beispielsweise empöre ich mich über unsachliche und leicht dahergeschriebene Kommentare unter irgendwelchen Veröffentlichungen oder verfalle in Trübsinn, wenn Wahrheiten ausgesprochen werden, die beweisen, dass unser Sohn noch leben könnte, hätten Verantwortliche rechtmäßig gehandelt.
Der Tod, den wir zu verkraften haben, ist kein ›normaler‹ Tod, bei dem die Hinterbliebenen ihren schmerzhaften Verlust unter sich, in den eigenen vier Wänden, erleiden. Unsere Betroffenheit umgibt eine ›offene Bühne‹. Allerdings kann ich vor ihr Augen und Ohren nicht verschließen, weil sie mir bei der Wahrheitsfindung und Verarbeitung des dramatischen Sterbens von Jens hilft. Sie ist Fluch und Segen zugleich.

Ich freue mich riesig über die Übersetzung der ersten beiden Texte meines Blogs »Seelenrisse« in die japanische Sprache. Unser Freund, der mit Frau und Kind im fernen Japan wohnt und als Übersetzer arbeitet, hatte vor einiger Zeit angeboten, den Blog in seine Muttersprache zu übertragen. Das ist ein großzügiger Freundschaftsdienst im Gedenken an Jens, den er so gut kannte. Der Wunsch kommt ihm von Herzen. Er nimmt kein Geld dafür und möchte erst mit vollem Namen als Übersetzer unter den jeweiligen Beiträgen benannt werden, wenn er das gesamte Tagebuch übersetzt hat. Ich bin ihm sehr dankbar.
© Brigitte Voß

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