21.05.2016, Sonnabend – die »Seelenrisse« und der Hilfsfonds

Im Gespräch sage ich zu einer Freundin: »Das Einzige, was so richtig funktioniert, ist, an meinem Blog zu schreiben, doch das hat viel mit der Verarbeitung des schrecklichen Ereignisses zu tun.«
Bisweilen laufen die Tasten des Computers derart heiß, dass ich ahne, ich müsste eine Pause einlegen, um Abstand zu gewinnen. Die Kehrseite ist, bin ich verhindert, an dem Online-Tagebuch zu arbeiten, werde ich griesgrämig und eine innere Spannung lässt mich an nichts anderes mehr denken.
Abgesehen davon, dass ich durch das Schreiben versuche, selbst Hilfe im Verstehen und Bewältigen des Unfassbaren zu finden, zeigen mir Leserzuschriften, dass es Blogbesuchern, die ihnen nahestehende Personen insbesondere durch Unfall, Suizid, aber auch Mord verloren haben, bei der Lektüre ähnlich ergeht.
Mein Mann findet oft nicht die Worte, seine Empfindungslage wiederzugeben, und ich bemerke, wenn er die Blogbeiträge liest, erkennt er sich wieder. Es hilft ihm bei der Trauerverarbeitung. Darüber bin ich froh.
Die in WordPress eingebundenen Statistiken beweisen, dass der Blog rege gelesen wird. Ich erhalte zumeist positive Resonanz für alle sichtbar auf der Website oder persönlich über das Kontaktformular. Mit Kommentaren, wie zum Beispiel: »Halt deine dumme Fresse blöde Ossischlampe und deaktiviere sofort diese Seite!!!«, muss ich, obwohl es schwerfällt, leben können. Ich habe bewusst die Öffentlichkeit gewählt. Allerdings hat sie Kehrseiten. Ich lerne daraus und nutze Möglichkeiten, die WordPress bietet, um solcherart Schmähungen zu unterbinden.
Das Internet besitzt die Eigenschaft, nichts wieder hergeben zu wollen. Was einmal hineingespeichert wurde, ist nur schwer zu entfernen. Im Falle des Blogs hoffe ich, dass die Suchmaschinen ihn in einer weit entfernten Zukunft noch finden. Sofern Intelligenz existiert, wird das aufgezeichnete Wort von Bedeutung sein, wobei die Leserzahl den Bekanntheitsgrad des Textes bestimmt. Die Erinnerung ist Bestandteil unseres Lebens und solange sie gelebt wird, wird nichts vergessen.
Derartige Gedanken müssen in meinem Unterbewusstsein die spontane Eingebung hervorgebracht haben, den Hilfsfonds der Lufthansa in Anspruch zu nehmen. Mit diesem Geld sollen Waisen und Halbwaisen, die der Absturz zurückließ, unterstützt werden, aber auch Projekte von Angehörigen, die die folgenden, vom Kuratorium gestellten Kriterien, erfüllen:

»I. Gefördert werden können Maßnahmen und Initiativen zugunsten eines sozialen oder kulturellen Zwecks, die
1. dem Gedenken an mindestens ein Opfer des Flugzeugunglücks dienen oder
2. einen Bezug zu Hinterbliebenen von Opfern aufweisen oder
3. sonst vom Unglück betroffene Personen oder Organisationen unterstützen.«

Die Idee, die sich mir seither aufdrängt, ist, den Blog in verschiedene Sprachen übersetzen  zu lassen. Seit Monaten reift sie in mir. Zwischendurch habe ich sie verworfen, vergessen und schließlich erneut durchdacht.
»Was von Herzen kommt, soll man auch tun«, gab eine Freundin zu bedenken. Meine Sorge, dass man das Vorhaben als Eigennutz auslegen könnte, schlug sie in den Wind. Mein Mann freut sich, weil ich beschließe, diese Überlegungen in die Tat umzusetzen, indem ich sie dem Kuratorium, das über die Verteilung der Gelder des Hilfsfonds entscheidet, als Projekt unterbreite.
So stelle ich den Antrag, die »Seelenrisse« ins Englische, Französische und Spanische übersetzen zu lassen. Es sind die Hauptsprachen, die die Familien der Hinterbliebenen sprechen, aber auch Weltsprachen.
Ich erkläre, begründe und kalkuliere die Übersetzungskosten. Am Ende des Projektvorschlages schreibe ich sinngemäß, dass ich hoffe, mit dem Blog ein Denkmal zu erschaffen, das weder aus Stein noch Holz oder Metall besteht, sondern aus Worten, die dem Gedächtnis an Jens und an alle unschuldigen Opfer gewidmet sind. Ich möchte, dass sie und dieses Unrecht niemals vergessen werden.
© Brigitte Voß

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