20.05.2016, Freitag – Verantwortung und Gewalt (3)

Wir frühstücken im Hotel. Auf dem Weg zum Buffet prangt mir die Schlagzeile einer Zeitung entgegen. »Montgomery: Lufthansa und Luftfahrt-Bundesamt haben versagt.«
Wir packen die Reisetasche und geben sie in der Lobby zur Aufbewahrung ab. Wir haben Zeit, bis der Flieger uns zurückbringt, und so wollen wir noch durch Düsseldorf bummeln.
Die S-Bahn soll uns vom Airport in die Innenstadt bringen. Allerdings sperrt die Polizei den entsprechenden Bahnsteig ab. Eine Uniformierte hindert uns am Weitergehen. Sie weist auf den nebenstehenden Zug und meint, es würde lange dauern, bis sie ihn durchsucht hätten und zeigt alternative Transportmöglichkeiten auf. Sie ist nervös, ihre Stimme klingt schrill. Den Grund für die Unterbrechung nennt sie nicht.
Ich nehme an, dass es sich um einen herrenlosen Koffer oder ein anderes vergessenes Gepäckstück handelt. Früher hätte eine ehrliche Seele dieses in einem Fundbüro abgegeben. Niemand wäre auf die Idee gekommen, die Polizei zu holen. Wir sind von Gewalttaten umgeben und müssen damit zurechtkommen, auch wenn es schwerfällt.
Wir nutzen die Möglichkeit, mit der Schwebebahn vom Flugplatz zum Anschlussbahnhof zu gelangen, um von dort aus die Innenstadt zu erreichen.
Letztendlich finden wir uns am Rhein wieder.
Ich starre in die respekteinflößende Strömung. Es ist, als hypnotisiere sie mich. Erinnerungen werden an die Oberfläche gewirbelt. Mit einem Schlag wird mir ein Zusammenhang bewusst, der im Leben von Jens eine verhängnisvolle Rolle spielte, nämlich der von Verantwortung und Gewalt.
In der Kindheit fing es an: Er fuhr mit der Straßenbahn in die Schule. Ein ganz normaler Vorgang. Sollte man denken! Als er aussteigen wollte, versperrten drei Jugendliche die Tür. Es kam zu einer Prügelei. Sie versetzten ihm Faustschläge und Tritte in den Bauch. Sie waren in der Überzahl, älter und kräftiger als er. Das zog sich über mehrere Haltestellen hin. Geschunden und gedemütigt kam unser Kind nachhause. Wir waren entsetzt. Ich erinnere mich an seine Worte: »Und Mutti, mir hat keiner geholfen! Die Leute haben nur geguckt, und es ist auf einmal leer im Wagen geworden.«
Das erschütterte uns. Wir hatten ihn zur Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme erzogen. Die Erwachsenen in der Bahn, schauten weg, ignorierten die Schlägerei.
Man kann nicht erwarten, dass sie sich selbst in Gefahr begeben. Doch auf indirektem Weg hätten sie der Brutalität Einhalt bieten können. Bereits ein Druck auf die Notklingel des Wagons hätte Schlimmeres verhütet. Oder wie wäre es gewesen, den Fahrer zu informieren? So hatte die Gewalt ein leichtes Spiel.
Unser Sohn begann, das Fahrrad zu benutzen, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Als er noch bei uns wohnte, wurde er drei Mal (!) von einem Auto erfasst und in allen drei Fällen (!) flüchteten die Fahrer. Stets kam er mit Schürfwunden davon, was sich in Düsseldorf, seinem späteren Wohnort, änderte. Er war in der Nacht mit dem Rad unterwegs. In einem Kreuzungsbereich nahm ihm ein schwarzer BMW mit Duisburger Nummernschild die Vorfahrt. Jens stürzte schwer und zog sich einen komplizierten Schlüsselbeinbruch zu. Der Verursacher suchte das Weite und entzog sich, wie vor ihm die anderen auch, der Verantwortung. Irgendwann stellte der Staatsanwalt das Verfahren ein.
Lange Zeit hatte er mit Schmerzen und Behinderungen zu kämpfen.
Für ihn kam es einem Weltuntergang nah, wenn er den geliebten Sport meiden musste. Allerdings ließ er sich nie unterkriegen. Obwohl er wegen der Fraktur auf das Sundschwimmen (von Altefähr/Insel Rügen nach Stralsund, etwa 2,3 km) laut ärztlichem Rat verzichten sollte, fuhr er dennoch hin, um die Freunde anzufeuern und die Atmosphäre zu genießen. Den Teilnahmeplatz wollte er zurückgeben. So lautete der von ihm verkündete Plan. Doch als er das Meereswasser unter den Füßen spürte, konnte er sich nicht beherrschen und nahm trotz der ernsthaften Verletzung am Wettkampf teil.
Später brach er sich einen Knochen im Fußgelenk. Das geschah nicht im Straßenverkehr, sondern auf einem Schlitten. Trotzdem suchte er das Schwimmbad auf, hüpfte zum Beckenrand, legte dort die Krücken ab, um zu schwimmen.
Aber all die Lebenslust war vergebens, als er in Barcelona vertrauensselig den Germanwings-Airbus bestieg.
Nachdem der Pilot das Cockpit verlassen hatte, lag die alleinige Verantwortung für die Menschen an Bord beim Copiloten. Er nutzte diese schamlos aus und führte den Absturz vorsätzlich herbei, was erwiesen ist. Durch den eigenen Tod entzog er sich der zusätzlichen Verantwortung, vor einem Gericht Rechenschaft über die Tat abzulegen …
Eine Schiffshupe schreckt mich auf.
Egal, was um ihn herum passiert, der Rhein strömt unerschütterlich dem Meer entgegen. Das tat er damals, als wir gemeinsam an seinen Ufern Spaß hatten oder bedrückt waren, weil Jens auf Krücken neben uns her humpelte.
Und jetzt ist er tot, aber der Fluss fließt unbeirrt weiter.
© Brigitte Voß

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