19.05.2016, Donnerstag – Treffen der Arbeitsgruppen »Gästehaus« und »Gedenkskulptur« auf Einladung von Germanwings (2)

Etwa zehn Vertreter der Hinterbliebenen und zwei von Germanwings versammeln sich in einem Konferenzsaal des Hotels.
Aus unseren Reihen ist der Wunsch entstanden, direkt in Le Vernet ein Gästehaus zu schaffen, in dem wir während des Aufenthaltes in den französischen Bergen wohnen können. Dies würde die zweistündige Busfahrt von den Hotels in Aix-en-Provence in die Alpen einsparen. Wir wären ständig vor Ort, könnten zu jeder Tageszeit in den Gedenkraum oder auf den Friedhof. Wir hätten keinerlei Zeitdruck, auch wenn wir auf den Col de Mariaud wandern möchten, um der Absturzstelle nah zu sein.
Die Ideen dazu gehen extrem auseinander. Vom Kauf einer Immobilie beziehungsweise eines Grundstückes, auf dem man bauen kann, über eine schlichte Unterkunft mit Selbstkochgelegenheit oder eine luxuriöse mit Vollverpflegung bis hin zum Vorschlag, die Zimmer eines kleinen Hotels zu renovieren, das direkt neben der Stele steht und zwischenzeitlich neue Besitzer gefunden hat, ist alles dabei. In Le Vernet werden zwar Häuser zum Verkauf angeboten, doch sind sie in schlechtem Zustand. Und wer würde die Wartung derartiger Gebäude übernehmen?
Der Hinweis auf das Hotel gewinnt die Oberhand. Eine Angehörige schlägt dazu vor, einen Begegnungsraum für die Opfer-Familien zu schaffen, um sich auf Wunsch abgeschirmt von der Öffentlichkeit treffen zu können, denn das Hotel wird ebenso von Urlaubern gebucht.
Der Austausch des ersten Arbeitskreises ist beendet. Nach einer Pause wird die Gruppe zum Thema Gedenkelement zusammenkommen. Wir werden eingeladen, auch daran teilzunehmen.
Wir überlegen. Unsere Einstellung zu einem Denkmal unmittelbar an der Absturzstelle ist eher negativ. Diese wunderbare Berglandschaft sollte Natur bleiben. Außerdem haben wir genug Stätten des Gedenkens: ein Grab in der Heimatstadt, das Gemeinschaftsgrab in Le Vernet, der Markierungsstab direkt am verhängnisvollen Felsen, die Stele und der Andachtsraum in Le Vernet, die Gedenktafel auf dem Düsseldorfer Flugplatz sowie die Skulptur mit den 149 Stäben am Wanderweg bei Prads auf der anderen Bergseite der Unglücksregion. Vor der Zentrale von Germanwings in Köln und dem Airport von Barcelona existieren ebenfalls entsprechende Würdigungen.
Trotzdem nehmen wir das Angebot an und bleiben.
Die Anwesenden sprechen sich für ein Denkmal unmittelbar am Absturzort aus, in der Hoffnung, dass er von den französischen Bürgermeistern bald freigegeben wird. Ein Vater, der die Tochter verlor, äußert dazu: »Meine berufliche Erfahrung zeigt mir, dass Hinterbliebene von Verkehrsopfern auch nach Jahren immer wieder an die Unfallstelle zurückkehren. Sie stellen Blumen ab oder errichten Kreuze.«
Das können wir nur zu gut verstehen.
Eine Mutter schlägt vor, dafür ein Material aus der Natur zu wählen. Vehement wird widersprochen: »Es muss ein Metall sein, denn gerade die Brutalität des Ereignisses in einer so wunderbaren Umgebung ist krasser Gegensatz genug und kann durch den Einsatz von Metall am besten zum Ausdruck gebracht werden. Solch ein Absturz gehört nicht zur Normalität.«
Für meinen Mann und mich ist jedoch der Stab, der derzeit den Aufprall des Airbusses markiert, ausreichend.
Die Vertreterinnen von Germanwings geben zu bedenken, dass diese Skulptur vom Untergrund getragen werden müsse. Dazu sei eine baumaßnahmliche Genehmigung notwendig. Sie wollen sich informieren und gegebenenfalls eine Ausschreibung für das Gedenkelement organisieren.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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