19.05.2016, Donnerstag – 4U9525 … For you 9525 … Für dich 4U9525 … (1)

Wieder einmal sitzen wir auf dem Flugplatz und erwarten das Boarding für den Flieger nach Düsseldorf. Germanwings hat eingeladen, an einem Arbeitskreis, bestehend aus Hinterbliebenen der Katastrophe, teilzunehmen. Wir interessieren uns für das Thema Gästehaus in Le Vernet. Ein anderer wird anschließend zusammenkommen, um über ein mögliches Denkmal für die Opfer zu beraten.
Wir sind diejenigen mit dem weitesten Anfahrtsweg, da die meisten Angehörigen aus dem Raum Düsseldorf bzw. Haltern kommen.
Im Wartebereich des Airports flimmern die Neuigkeiten des Tages über den Bildschirm. Eine Meldung erweckt Herzklopfen. Ein Egypt Air Flug MS804 ist von Paris nach Kairo mit 66 Menschen an Bord in der Ägais vermutlich abgestürzt. Es handelt sich um einen A320, der in der vergangenen Nacht einfach vom Radar verschwand. Aktuell könne kein Grund für den Absturz ausgeschlossen werden. Die Suche nach dem Flieger ist im vollen Gange.
Bereits wenn ich das Wort Flugzeugabsturz höre, steigt der Puls. Zwangsläufig denke ich an die toten Opfer, aber auch an die Angehörigen, für die die Welt mit einem Schlag hinter Nebeln versinkt, um nach einer gewissen Zeit als fremdes Etwas wieder aufzutauchen. Wollen sie überleben, müssen sie lernen, sich neu zu orientieren.
Trotz der Meldung ist mir egal, dass wir in wenigen Minuten ein Flugzeug betreten. Vor dem eigenen Tod habe ich keine Angst mehr. Jens ist wider alle Regeln vor uns gestorben. Ich würde ihm nur nachfolgen. Für mich fühlt sich das normal an. Mit Selbstmordgedanken hat das nichts zu tun.
Unser Flug wird aufgerufen. »For you …«, tönen die Lautsprecher. Mir fällt zum ersten Mal auf, dass das 4U, das der Kennzeichnung der Germanwings-Flüge vorangestellt wird, auf Englisch ausgesprochen wird.
»For you 9525«, hämmert mir in der Warteschlange für das Boarding die Flugnummer des Todesfliegers durch den Kopf. Sogleich übersetze ich: »Für dich, (›der Todesflug‹, füge ich in Gedanken hinzu), 9525«.
Irgendwie klingt das persönlich und daher zynisch, wenn ich an die Toten in den französischen Alpen denke. Natürlich wird sich Jens nichts weiter gedacht haben, als dass er endlich in der Maschine Platz nehmen darf. Er kannte die tödliche Zukunft nicht, die hinter der Tür lauerte.
Und keiner der jetzigen Passagiere wird an dem »For you« etwas Böses empfinden. Ich bin gewaltig sensibilisiert.
Da sich das Düsseldorfer Hotel direkt am Flugplatz befindet, wir aber erst gegen 15 Uhr das Zimmer betreten dürfen, geben wir an der Rezeption die Reisetasche ab und eilen wieder zurück. Wir möchten den Raum der Stille kennenlernen, in dem am Vortag des ersten Jahrestages eine Gedenktafel für die Opfer des Absturzes enthüllt worden ist. Wir erreichen ihn über die Rolltreppe in der dritten Ebene der Flughafenhalle. Er ist öffentlich zugänglich.
Wir schließen die Tür hinter uns. Mit einem Schlag wird das turbulente Treiben erstickt. Totenstille. Trotzdem wir für uns sind, flüstern wir. Das Licht ist gedämpft.
Direkt am Eingang finden wir zwei Wandplatten vor. Eine ist den siebzehn Opfern des Flughafenbrandes von 1996 gewidmet, die andere unseren verstorbenen Lieben. Wir stellen eine Sonnenblume davor.
Jens weilte oft wegen der Dienstreisen auf diesem Flugplatz. Wusste er vom Raum der Stille?
Ich höre sein Lachen und lehne mich an die gegenüberliegende Wand. Die Traurigkeit liegt wie Blei auf mir.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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