09.05.2016, Montag – Trost und Halt

Eine Meldung lässt aufhorchen: Ein Angehöriger, dessen Tochter, Enkel und Schwiegersohn durch die Germanwings-Tragödie ums Leben kamen, erhebt in einer Strafanzeige schwere Vorwürfe gegen die Fliegerärzte/Gutachter des Aero Medical Center, Frankfurt/Main und gegen die Verantwortlichen der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Luftfahrt-Bundesamt. Er hat gemeinsam mit einem Rechtsanwalt die vorliegenden Untersuchungsakten akribisch studiert. Es ist wohl seine Art zu versuchen, Trauer und Schmerz um den gewaltigen Verlust zu verarbeiten und ein wenig Halt in der Aufarbeitung der Katastrophe zu finden.
Er wirft den flugmedizinischen Ärzten vor, sich nicht an das geltende Recht gehalten zu haben. Sie hätten keine Fluglizenz ausstellen dürfen. Einem Vermerk auf den Tauglichkeitszeugnissen sind sie widerrechtlich nicht nachgegangen. Die geforderten psychologischen Untersuchungen und Gutachten wurden nicht veranlasst.
Zudem sei die 2009 erteilte Sondergenehmigung zum Fliegen ohne die vorgeschriebene Zustimmung des Luftfahrt-Bundesamtes erfolgt und damit ungültig. Er behauptet, das Amt sei nicht in der Lage, die Flut an diesbezüglichen Dokumenten zu verwalten. Er wirft ihm vollständiges Versagen vor.
Er benennt in der Anzeige weitere unstimmige Punkte, die zeigen, dass die Katastrophe hätte vermieden werden können.
Vor einigen Tagen erhielten wir von Germanwings eine DVD mit dem Mitschnitt der Trauerfeier anlässlich des ersten Jahresgedenkens in Le Vernet.
Mein Mann schiebt die Scheibe, die seither unberührt auf dem Schreibtisch lag, in den Player. Obwohl ich eisern sitzen bleibe, um das Geschehen auf dem Bildschirm zu verfolgen, bleibt es beim Versuch. Ich komme nicht über den Eingangschor hinaus. Das Programm ist gut und die Feier strahlt Würde aus, dennoch wühlt die jetzige Wiederholung fast genauso auf wie das traurige Gedenken vor Ort. Kraft und Trost kann ich nicht daraus schöpfen. Zu schlimm ist der Verlust.
Allerdings habe ich in den letzten Monaten einen persönlichen Entschluss gefasst, von dem ich weiß, dass ich darin Halt finden könnte. Ich möchte ein Tattoo, das den Namenszug von Jens trägt. Es soll nur für mich sein und keine Dekoration auf der Haut darstellen, die die Mitmenschen gern zur Schau stellen und die sie Jahre später vielleicht nicht mehr mögen. Die Tätowierung würde meinem toten Kind gewidmet sein. Dabei inspiriert mich das Zeichen des ersten Jahresgedenkens, zumindest ein Element davon – die Unendlichkeitsschleife.

Wie es bereits ihre Bezeichnung ausdrückt, steht sie für die Unendlichkeit und das nicht nur in der Mathematik. Das Symbol lässt Interpretationsmöglichkeiten zu. Es kann für ewige Liebe und Freundschaft stehen, für deren Festigkeit und endlose Verbundenheit, für die Unvergänglichkeit unserer Gedanken und Erinnerungen. Die Welt dreht sich weiter. Nie ist ein Ende in Sicht. Niemand weiß, was nach dem Tod mit uns geschieht. Vielleich ist die Seele von Jens in die Grenzenlosigkeit des Universums übergangen? Hat ein ewiges Leben? Diese Fantasie ist erfrischend, doch leider fällt es mir schwer, sie zu glauben. Muss ich alles kritisch hinterfragen? Ich sollte es sein lassen.
Das Tattoo wird mir sagen: Ich bin bei dir, wache über dich, besuche dich, wann immer du mich rufst. Hinter jedem Horizont geht es weiter, folgt ein neuer Horizont …
Wir sind bei Jens, stehen vor dem Grab und erzählen von Timo, seinem neugeborenen Neffen. Mein Mann wühlt das Handy aus der Jackentasche, wählt eines der Fotos aus, um es ihm zu zeigen. Die tief stehende Sonne wirft ihr warmes Licht auf die Gräber. Kein Mensch ist zu sehen. Nur die Vögel zwitschern in der Abendstimmung.
© Brigitte Voß

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