04.05.2016, Mittwoch – ein neues Menschenleben

Ich versuche krampfhaft, einzuschlafen. Die dreijährige Sassa dreht sich auf die andere Seite und zieht mir die Bettdecke weg. Sie liegt quer und ihre Füße ragen hinüber zu meinem Mann. Ich verharre in Starre, da ich sie nicht wecken möchte, obwohl ihre Haare in der Nase kitzeln und der rechte Arm, auf dem ihr Kopf ruht, ertaubt und im Minutentakt kälter wird. Sie schnarcht im Duett mit ihrem Opa. An Schlaf ist nicht zu denken. Trotzdem ist es beruhigend, wie sie sich voller Vertrauen an mich kuschelt. Längst verschüttete Gefühle tauchen auf. Das Zusammensein mit unseren beiden Kindern war einmalig. Leider ist es für immer vorbei. Besondere Lebensereignisse sind wie Lichtblitze, die für kurze Zeit das Universum erhellen, bevor sie die ewige Dunkelheit vertilgt. Mit etwas Glück kann man ihren Schimmer eine Weile sehen.
Am gestrigen späten Nachmittag rief unser Sohn an: »Haltet euch bereit.«
Wir ließen alles stehen und liegen, sollten wir doch auf die Enkelin aufpassen, da er bei der Geburt des Nachwuchses dabei sein wollte.
Es ist die erste Nacht, die Sassa ohne ihre Eltern verbringt. Immerhin hielt sie es einige Stunden im eigenen Bettchen aus, bis sie aufwachte und fürchterlich weinte, obwohl sie gut auf diese Situation vorbereitet war. Letztendlich kroch sie zu mir ins Bett und schlief rasch wieder ein.
Der Tag beginnt und kraucht durch die heruntergezogen Jalousien.
Plötzlich vibrieren unsere Handys auf den Nachtischen. Ich nehme meins und erblicke ein Foto, das einen winzigen Kopf zeigt, halb bedeckt von einem Handtuch. Darunter lese ich: »Timo ist da.«
Im Nu sind alle wach. Ich zeige Sassa das Bild und erkläre, dass das Baby ihr lang ersehntes Brüderchen ist. Ihre Stimme überschlägt sich vor Glück: »Oh, der ist schon da. Der Timo ist da! Der ist niedlich, mein kleiner Bruder ist niedlich!« Sie scrollt nach unten und wir drücken gemeinsam auf den Abspielpfeil der soeben eingetroffenen Audio-Aufnahme, die ein sanftes Weinen wiedergibt. Sie ist ganz aufgeregt. »Ist das der Timo?« Diese Freude steckt an.
Wir stehen vor dem Krankenhausbett. Darauf sitzt die stolze, etwas erschöpfte Mama mit dem Säugling im Arm, unserem zweiten Enkel. Er wirkt wie ein Magnet auf mich. Ich kann den Blick nicht abwenden. Erinnerungen tauchen auf. Ich sehe Jens vor mir, kurz nachdem er das Licht der Welt erblickte. Er war genau so niedlich, klein und hilflos – wie Timo – und … wurde 37 Jahre später brutal ermordet – mein Baby. Wer hätte gedacht, dass ihm solch ein Schicksal zuteilwürde.
Schnell schiebe ich den Gedanken beiseite und betrachte aufmerksam den Familienzuwachs. Sein Köpfchen sieht leicht gequetscht aus, die Nase ist etwas schief. Der Geburtsvorgang hat auch bei ihm vorübergehende Spuren hinterlassen.
Sassa hat sich neben ihr Brüderchen ins Bett gelegt. Stolz und zärtlich schaut sie es an und legt behutsam den Arm um den kleinen Körper. Ihre Augen strahlen.
Was wird die Zukunft den beiden bringen? Was, wenn jemand ihnen Schmerzen zufügt? Die Welt wird chaotischer und brutaler. Die Sorgen beängstigen mich.
»Nimm ihn doch mal auf den Arm«, werde ich aufgefordert.
Ich umfasse das weiße Bündel, spüre das leichte Köpfchen in der Armbeuge und berühre die winzigen Finger. Mit einem Schlag verschwinden die bleischweren Gedanken. Ich empfinde eine unbändige Freude wie seit dem Tod von Jens nicht mehr. Sie hatte sich verschreckt in die Tiefen meines Gehirns zurückgezogen. Ich habe vergessen, dass es sie gibt. Es ist einfach toll, Oma zu sein.
Wieder zuhause, informiere ich die Freunde über die Geburt. Sie freuen sich mit uns, sind froh und erleichtert, endlich von uns Positives zu hören. Das Leben geht weiter, auch mit schönen Momenten.
© Brigitte Voß

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