02.05.2016, Montag – Speichermedien

Die Zimmertüren stehen offen, damit wir nicht das Klingeln des Paketdienstes überhören. Wir erwarten eine Postsendung, die schon vor drei Tagen bei uns eintreffen sollte. Obwohl wir den Verlauf des Versandes im Internet verfolgten, bemerkten wir das Läuten nicht, da für einen Moment der Staubsauger dröhnte. Kurz darauf teilte uns das Web-Protokoll mit, dass man uns nicht angetroffen hätte, aber die Lieferung kommenden Montag, also heute, käme.
Da hatten wir uns aufgerafft, die Wohnung zu säubern, und als Resultat dessen, verpassten wir das seit Langem erwartete Paket. Bereits am 01. März gaben wir Germanwings bekannt, dass wir die von den französischen Behörden freigegebenen Speichermedien, die Jens zugeordnet werden konnten, zurückhaben möchten. Da weder ein Bescheid noch Gegenstände eintrafen, beschwerten wir uns bei den Verantwortlichen, die sofort reagierten. Meine Nerven stehen ständig unter Strom, alles regt auf. Klappt etwas bezüglich Jens nicht, verstärkt sich die Spannung und das Kribbeln im Körper nimmt zu. Nicht nur der grausame Tod hat traumatische Spuren hinterlassen, sondern auch der Ärger um die Überführung des Sarges von Marseille nach Leipzig.
Es klingelt. Ich atme tief durch und öffne die Tür.
Wir betrachten das große, gründlichst zugeklebte Paket vor uns auf dem Küchentisch. Es benötigt Zeit, die Umverpackung zu lösen. Wir entnehmen transparente Plastiktüten, die den Inhalt offenbaren.
Einer der USB-Sticks sieht aus wie neu, die restlichen sind verbogen oder gequetscht. Auf dem Formular, das wir im März erhielten und die Gegenstände auflistete, lasen wir unter anderem »Laptop und Dokumententasche«. Daher hofften wir, beides zurückzuerhalten. Leider stellt sich das als Irrtum heraus. Sie hätten schreiben sollen »Laptop- und Dokumententasche«, denn das macht einen Unterschied. Was wir jetzt in den Händen halten, ist die gut erhaltene Tasche für das Notebook, in der auch Dokumente Platz finden. Sie zeigt helle Schrammen und geringfügige Risse, die vom Aufprall her rühren. Sie enthält die ordentlich zusammengerollten Trageriemen. Keine Spur von seinem Computer, den er auf Dienstreisen bei sich führte. Wahrscheinlich hat Jens ihn herausgenommen und den Rest im Handgepäckfach verstaut. Wir durchforsten die Tütchen, können allerdings kein noch so winziges Laptopteil entdecken.
Die dienstlichen Visitenkarten sehen aus, als wären sie frisch gedruckt.
Vorder- und Rückenteil des Smartphones umhüllen lose die verbliebenen Fragmente der Elektronik. Eine SIM-Karte ist dabei. Sie wirkt äußerlich unbeschädigt. Ich tausche sie in meinem Telefon mit zittrigen Händen aus. Sie verlangt PIN und PUK, die wir nicht kennen.
Alte Verträge liegen uns vor, aber die dort angegebenen Codes erweisen sich als falsch.
Einer der USB-Sticks ist derart krumm, dass er sich nicht in den Computerschlitz schieben lässt, der leicht zerstörte zeigt keine Daten an, jedoch zwei können eingelesen werden. Sie offenbaren berufliche Dinge, wie Preislisten, Präsentationen, usw. Zwei Ordner sind privater Natur. Hinter ihnen verbergen sich ausgeklügelte Exceltabellen seiner sportlichen Leistungen, die dazugehörigen Auswertungen und die geplanten Wettkämpfe. Sie zeugen von einer unbändigen Lebenslust.
Mein Mann klickt die Worddatei mit der ominösen Bezeichnung »Aktueller Wochenplan« an. Sie ist verschlüsselt. Im Film gelingt es stets irgendwelchen Allerweltspersonen, Dokumente zu knacken. Allerdings bemühen wir uns vergebens. Die üblichen Kennworte greifen leider nicht. Handelt es sich um letzte Eintragungen seines Tagebuches? Wir haben berechtigten Grund zu der Annahme. Vollkommen erschöpft geben wir vorerst auf.
… Es ist doch alles nur ein Traum, ein böser, böser Traum. Wie kommen wir aus der negativen Zeitschleife wieder heraus?
Es gibt kein Entkommen.
© Brigitte Voß

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