15.04.2016, Freitag – Germanwings und Loveparade

Der Bundestag beschließt strengere Drogen- und Alkoholkontrollen für die Piloten. Er beruft sich dabei auf Empfehlungen der deutschen Taskforce, einer Arbeitsgruppe, die der Verkehrsminister Alexander Dobrindt nach dem Absturz von Flug 4U9525 eingesetzt hatte. Das Gesetz wird voraussichtlich im Sommer in Kraft treten. Danach sollen die Fluggesellschaften ihre Flugzeugführer vor Dienstantritt auf »Medikamente, Alkohol oder andere psychoaktiven Substanzen« untersuchen, wenn ein bestimmter Verdacht besteht. Aber auch unangekündigte Kontrollen sind geplant.
Das ist gut und erhöht die Sicherheit der Passagiere. Jedoch frage ich, wieso diese Maßnahmen erst durch den schrecklichen Tod von 149 Menschen eingeleitet werden. Gleicht das nicht einem Eingeständnis, dass bisher erhebliche Lücken im Sicherheitssystem klafften? Sie ermöglichten die grausame Tat. Für mich kommt das einem indirekten Schuldbekenntnis gleich.
Es ist wohl eine gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit: Zunächst muss es viele Todesopfer geben, damit eventuelle Versäumnisse, die dazu führen konnten, überhaupt öffentlich bekannt werden. Im Idealfall ziehen Experten Lehren daraus, und die Schuldigen werden ermittelt und bestraft.
Als Folge der Germanwingskatastrophe werden Aspekte der Sicherheit unter die Lupe genommen. Hoffentlich kommen deren Ergebnisse rasch und vollständig zur Anwendung. Allerdings sehe ich einen langen Weg vor uns, geht es um die Ermittlung der Schuldfrage. Der Copilot ist tot. Doch wer und was bewirkte, dass er mit einer derartigen Krankengeschichte ein Passagierflugzeug steuern durfte? Das bedarf dringend einer Klärung.
Umso mehr erschüttert mich der Fall, der sich um die Loveparade in Duisburg rankt.  21 Menschen starben im Juli 2010 und 650 wurden verletzt, teilweise schwer. An einer Engstelle kam es zu einer tödlichen Panik. Seitdem warten die Hinterbliebenen, dass die Verantwortlichen, sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters, zur Rechenschaft gezogen werden. Vergebens. Im April 2016 platzte der Prozess, das Landgericht Duisburg lehnte die Anklage ab.
Das ist eine Katastrophe nach der Katastrophe für die Familien der Opfer, aber ebenso für das deutsche Rechtssystem. Die erneut geschockten Angehörigen vermuten, dass eine Aufklärung von der Politik nicht gewollt ist. Eine Mutter, die in dem Gedränge ihren einzigen Sohn (25) verlor, startet eine Online-Petition, die ich augenblicklich unterschreibe. Darin fordert sie, das Verfahren doch noch zu eröffnen. Sie möchte dem Oberlandesgericht Duisburg beweisen, dass es sich nicht nur um eine Forderung der Betroffenen handelt, sondern auch die Öffentlichkeit wissen will, was zu der Tragödie führte.
Ich kann nur hoffen, dass den Toten des Fluges 4U9525 Gerechtigkeit widerfährt.
Die Ereignisse und Informationen, die seit der Ermordung von Jens auf mich einstürmen, belasten, stören die Trauer und verstärken die Erschöpfung. Zu verstehen, dass er tot ist und auf so brutale Weise sterben musste, gelingt nicht. Ich bin wohl zu sensibel, als das die Logik die Oberhand gewinnt. Als Folge dessen passieren mir Dinge, die wahrscheinlich niemandem interessieren, mich jedoch zum Nachdenken zwingen, weil sich der Umgang mit den Mitmenschen geändert hat:
Derzeit suchen wir Zerstreuung auf einer Nordseeinsel. Täglich hole ich früh in dem einzigen Supermarkt frische Brötchen.
Ich reihe mich in die Warteschlange der Kasse. Die grauhaarige Dame, die vor mir steht, dreht sich fortwährend um und lächelt mir voller Urlaubseligkeit entgegen. Sie strahlt Ruhe aus, allerdings ihr Lächeln nervt, fordert es doch auf, zurückzulächeln. Ich schaue mit mürrischem Blick an ihr vorbei und überlege, ob es nicht verständlich ist, wenn sie sich freut, denn die Insel verbreitet einen tiefen Frieden. Zumindest hatte ich so in einer besseren Zeitrechnung empfunden. Ich sollte tolerant sein. Und plötzlich bietet sie auch noch an, mich vorzulassen. Warum, ist unklar, sie hat nur einen Posten im Einkaufswagen. Schroff lehne ich ab. Sie erwidert mit ihrem verträumten Lächeln. Und jetzt lächle ich zurück, etwas zwanghaft, aber ich lächle sie an.
Das Leben geht weiter.
© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “15.04.2016, Freitag – Germanwings und Loveparade”

  1. Liebe Frau Voß,

    bei der Loveparade gibt es tatsächlich neue Ermittlungen bzw. der Fall geht nach fast sieben Jahren doch noch vor Gericht.

    Genau wie beim Germanwings-Fall waren bereits alle Ermittlungen eingestellt worden…das lässt doch Hoffnung aufkommen dass sich möglicherweise doch noch was tut.

    Liebe Grüße,
    C. Bach

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