13.04.2016, Mittwoch – die Klage in den USA

Die Klageschrift gegen die Flugschule in Phoenix/Arizona, an der der Copilot Andreas Lubitz einen Teil seiner Ausbildung absolvierte, wurde im Namen von 80 Opferfamilien beim Bundesgericht in Arizona eingereicht. Der entsprechende Text liegt uns seit einigen Stunden vor. Zunächst schrecke ich zurück, ihn zu lesen, weil mich das Thema aufwühlen wird. Interesse und Neugierde siegen.
So kämpfe ich mit dem Juristenenglisch. Eine deutsche Übersetzung ist laut Rechtsanwalt in Vorbereitung. Der Gerichtsstand wird damit begründet, dass sich der Hauptgeschäftssitz des Trainingszentrums in Arizona befindet und die rechtswidrigen und fahrlässigen Handlungen, die für die Klage verantwortlich sind, dort stattgefunden haben. Seite für Seite blättere ich durch die Schrift und mir wird bereits elend von dem, was ich verstehe. Sie ist wahrhaftig kein Aushängeschild für die Ausbildungsstätte. Es werden ihre Versäumnisse aufgezählt, wird ihre schlampige Arbeit untermauert, und das klingt so: ATCA failed to use …, ATCA failed to use …, ATCA failed to use … , usw. (ATCA – Airline Training Centers). Die komplette Klageschrift umfasst 54 Seiten.
Die US-Anwälte werfen dem Ausbildungszentrum vor, die Krankengeschichte des Copiloten Andreas Lubitz vor dessen Aufnahme in ihre Flugschule nicht kontrolliert zu haben, obwohl dazu eine Verpflichtung bestand. Er litt an schwersten Depressionen mit Suizidgedanken, Angstzuständen, musste sich einem Klinikaufenthalt unterziehen und unterbrach seine Schulung für fast zehn Monate. Als Folge erhielt er im Juli 2009 nur eine eingeschränkte Tauglichkeitsbescheinigung. Sie enthielt einen verschlüsselten Vermerk, der besagte, dass bei einem Rückfall die Genehmigung ihre Gültigkeit verliert. Auch die US-Behörde FAA (Federal Aviation Administration) erteilte ein Jahr später eine Flugerlaubnis mit einem nichtcodierten Hinweis auf „reaktive Depressionen“. ATCA hätte jene Angaben prüfen müssen, was es leichtsinnig überging. So konnte die Ausbildung von Andreas Lubitz zum verhängnisvollen Berufspiloten der Lufthansa beginnen. Dies ist nur ein Beispiel, die Liste der Anschuldigungen ist lang.
Meine Wut beim Lesen wird durch einsetzende Übelkeit gestoppt. Jens hätte noch Leben können. Oberflächliche, gleichgültige Verantwortliche tragen die Schuld am Tod der vielen Menschen. Ich kann nur hoffen, dass das Gericht die Klage annimmt, denn bisher hat die deutsche Staatsanwaltschaft keinerlei Ergebnisse vorgelegt. Hinzu kommt, die USA haben andere Ermittlungsmöglichkeiten, so dürfen die Anwälte beispielsweise Akten direkt beschlagnahmen. Immerhin haben sie den VW-Abgasskandal aufgedeckt und ermittelten erfolgreich gegen die Korruptionen und Bestechungen der FIFA, was nicht nur Russland versuchte zu verhindern. Sie geben mir Hoffnung.
Die ATCA hat die Aufgabe, angehende Piloten zu befähigen, Passagiere zu transportieren. Wären dessen Mitarbeiter gewissenhaft und pflichtgemäß bei der Aufnahme von Lubitz vorgegangen, hätte sich der Massenmord vom 24. März 2015 nie ereignet. Das ist eine knallharte Tatsache. Somit könnte ein Prozess in den USA gleichfalls der Sicherheit der Flugpassagiere dienen. Wie sich die Situation derzeit darstellt, kann sich solch eine Katastrophe weltweit wiederholen.
Es muss einfach sein, dass all diejenigen, die in der Kette der Verantwortlichkeiten, die Schuld am Tod unserer Lieben tragen, vor einem Gericht Rede und Antwort stehen.
Medien berichten, die Angehörigen wollten Millionen einklagen, und so geraten wir in die Mühlen von Hass und Neid. Wie berechnet man den Schmerz der Hinterbliebenen nach einem derartigen Gewaltverbrechen? Wir werden an dem sinnlosen Tod von Jens das ganze Leben lang leiden. In Deutschland gibt es, im Gegensatz zu den anderen europäischen Ländern, kein Gesetz, dass diesen Schaden reguliert. Wir müssen das schlichtweg ausbaden.
Gern wird in der Öffentlichkeit diskutiert, wie viel ein Menschenleben wert ist. Was soll das! Das sind Sinnlosdiskussionen. Von dem sogenannten »ererbten Schmerzensgeld« (Entschädigung für die Qual der Opfer) können die Toten nicht mehr profitieren. Jens ist durch nichts zu ersetzen. Im Gegenteil ich würde alles, was ich besitze, weggeben, damit er lebend wieder vor mir stünde.
© Brigitte Voß

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