30.03.2016, Mittwoch – ein Brief

Erneut nehme ich den Brief in die Hand, der nach der Rückkehr aus Le Vernet vor wenigen Tagen aus dem prall gefüllten Briefkasten fiel. Ich kenne den Verfasser mit Doktortitel, der seinen vollen Namen mit Anschrift angibt, nicht. Er drückt mit höflichen, freundlichen Worten seine große Anteilnahme angesichts des Horrordramas aus, wünscht uns viel Kraft und dass wir wieder in das normale Leben zurückfinden. Er sah uns im MDR-Fernsehen. In dem Umschlag finden wir Internetausdrucke, darunter einer, der aus dem Russischen mit Google ins Deutsche übersetzt worden ist. Darin wird behauptet, Flug 4U9525 sei Opfer eines Tests der amerikanischen Streitkräfte mit Flüssig-Laser. Statt einer Interkontinental-Testrakete hätten sie versehentlich den Zivilflieger von Germanwings getroffen.
»Die Glaubwürdigkeit kann ich nicht beurteilen«, fügt der Absender hinzu. Er hätte einen Piloten befragt, und dieser könne sich nicht vorstellen, dass eine derart psychisch belastete Person als Copilot in einen Flieger gelangt. Ungewöhnlich sei die ständige Wiederholung seiner Schuld. Außerdem sei die Suche in dem engen Tal nach dem digitalen Flugschreiber außergewöhnlich lang gewesen.
Obwohl mir solche Theorien bereits bekannt sind, verwirrt mich die Meldung, da wir auf dem vergangenen Rückflug von Marseille nach München ein sonderbares Flugobjekt gesehen hatten.
Unser Rechtsanwalt, den ich damit konfrontiere, ist überzeugt, dass es sich um ein Verschwörungsszenario handelt. Die russische Regierung spiele mit dem Instrument der Verunsicherung mithilfe des Internets. Sie soll etwa 1000 sogenannte Trolle beschäftigen, die systematisch Fehlinformationen in die Welt setzen. Letztendlich wisse niemand mehr, was richtig sei. Doch messe man diese Informationen an den unbestreitbaren Fakten, die besagen, dass die Germanwings-Maschine genau auf dem vorgesehenen Kurs geblieben und gleichmäßig mit hoher Geschwindigkeit gesunken sei. Bei einem Abschuss würde das Flugprofil naturgemäß völlig anders aussehen.
Trotzdem nehmen die von uns beauftragten Juristen auch derartige Hinweise über den Absturz ernst.
Es ist wohl eine Gesetzmäßigkeit, dass sich um unfassbare Ereignisse stets Verschwörungstheorien ranken. Beispiele gibt es genug: Die US-Regierung habe die Anschläge vom 11. September befohlen, die Mondlandung sei nur vorgetäuscht, in einem Filmstudio inszeniert worden, Elvis Presley sei 1977 nicht gestorben, Lady Diana sei von dem britischen Königshaus ermordet worden, usw.
Im Internet habe ich viele Theorien um den Tod der 149 Insassen des Fluges 4U9525 gelesen. Dabei zitieren sich die Macher gern selbst, wobei Fehleinschätzungen durch neu hinzugefügte Behauptungen verstärkt und schließlich als Wahrheit angesehen werden. Diese Menschen erklären durchweg alles, egal ob sich die Aussagen widersprechen. Hauptsache man ist gegen die da oben, wer auch immer das ist. Denen glaubt man prinzipiell nichts.
Sie empfinden sich als wichtig, haben Bedeutsames zu sagen und fühlen sich in der Gemeinschaft wohl, die sie bestätigt.
Terroranschläge erzeugen Ängste. Eine Katastrophe, wie die vom 24. März 2015, kann sich nach dem derzeitigen Stand tatsächlich wiederholen. Es ist ein Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins. Da helfen ihnen Deutungen, die sich zu angeblichen Beweisen wandeln und somit ist die Bedrohung leichter zu ertragen.
Die Triebkräfte der Legendenerzeuger stecken ebenso in uns, sind menschlich. Fürchten wir uns vor etwas, suchen wir Antworten. Haben wir dabei Gleichgesinnte, ergeht es uns besser. Ungewissheit macht krank. Wir sind mehr oder weniger misstrauisch und eine gewisse Fantasie besitzt jeder.
Allerdings vertreten die Verschwörungstheoretiker egoistisch, manchmal aggressiv ihre Interessen und lassen keine andere Meinung gelten, egal, ob Betroffene darunter leiden. Ihre Theorien sind mitunter gefährlich, vor allen Dingen, wenn einzelne Personen oder Menschengruppen diffamiert werden.
Vorsicht ist immer geboten!
© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “30.03.2016, Mittwoch – ein Brief”

  1. Liebe Brigitte
    ich finde es nicht gut wenn jemand ihnen sowas schreibt. Sie haben schon genug
    mit sich zu tragen, es macht mich traurig.
    Herzliche Grüße

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