26.03.2016, Sonnabend – erstes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet (8)

Wir sitzen ausgiebig beim Frühstück, wobei wir uns über die Eindrücke der letzten Tage austauschen. Wir sind zufrieden mit der Organisation durch die Fluggesellschaft, die reibungslos funktionierte.
Die meisten Angehörigen fliegen mit der von Lufthansa eingesetzten Sondermaschine nach Düsseldorf, während wir erst am späten Mittag zurückreisen. Heide und Manfred fahren mit dem TGV. Seitdem ihr Sohn sowie die Schwiegertochter mit dem Germanwings-Airbus abstürzten, verhindern ihre Nerven, jemals wieder ein Flugzeug zu betreten.
Das Verabschieden beginnt. Die Familien fallen sich um den Hals, sagen herzliche Worte und wünschen gegenseitig Kraft für das Weiterleben. Jeder weiß, was er da sagt. Es fällt schwer, sich dem alltäglichen Leben anzupassen, zuviel ist geschehen. Das Dasein hat eine andere Bewertung erhalten. Die Probleme der »Normalen« sind oft nicht begreifbar. Worüber regen sie sich überhaupt auf? Mir reißt der Geduldsfaden mit den Mitmenschen überraschend oft, mein Lachen ist oberflächlich, belanglose Gespräche, vor allen Dingen mit Fremden, bereiten Mühe.
Der Tod unserer Lieben war ein plötzlicher, brutaler. Die Zeiger ihrer Lebensuhr wollten die geplanten Bahnen kreisen, bis eine nachlassende Energie sie verlangsamt und zum vorgesehenen Stillstand gebracht hätte. Das ist der Kreislauf der Natur. Altern, Krankheiten, auch das Sterben gehören dazu, obwohl selbst das die Menschen in unserem Kulturkreis gern ignorieren. Leider riss ein Einzelner die Zeiger heraus, sodass die Maschinerie versagte und vor ihrem Ablauf gewaltsam gestoppt wurde.
Eine Betreuerin kommt herein und teilt mit, dass sich der Flug nach Düsseldorf geringfügig verspäte. Der Flugplatz von Marseille sowie dessen Zufahrtsstraßen seien wegen eines Bombenalarms gesperrt.
Wir nehmen das mit stoischer Gelassenheit auf. Egal. Was soll noch passieren? Das Schlimmste haben wir vor einem Jahr erlebt.
Schließlich fahren die Busse für die Sondermaschine ab.
Wir verbringen die restliche Zeit in der Außenanlage des Hotels. Die Sonne prasselt hernieder. Das Licht in der Provence ist einzigartig. Es leuchtet jede Ecke, jeden Winkel aus. Die sonnendurchflutete Helligkeit aktiviert uns. Wir folgen dem Tipp eines Betreuers und spazieren zu einem naheliegenden See, um dort wild lebende Flamingos zu beobachten. Das lenkt ab.
Wieder zurück, erhalten wir die Nachricht, dass sich der Verkehr um den Airport herum normalisiert habe, und unser Flugzeug planmäßig starten würde. Der Auslöser des Alarms sei eine vergessene Plastiktüte gewesen.
Der Flugplatz von Marseille ist massiv bewacht. Mehr Uniformierte als üblich laufen mit vorgehaltener Schusswaffe Streife. Vor Betreten des Sicherheitsbereiches werden wir mit einer zusätzlichen Ausweiskontrolle überprüft.
Als wir den Küstenstreifen des Mittelmeers überfliegen, entdecke ich in der Ferne ein stabförmiges Flugobjekt, das zunächst auf uns zukommt. Es ändert abrupt die Richtung durch eine Drehung um die Mittelachse und bewegt sich überraschend schnell. Merkwürdig! Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich weise meinen Mann darauf hin, sonst würde mir niemand glauben. Er betrachtet es mit Interesse und ist überzeugt: »Das ist ein Kampfflugzeug«.
Pünktlich landen wir in München. Christa, die auf dem Airport arbeitet, erwartet uns in der Lounge, wo sie uns inniglich umarmt. Die Lufthansaangestellte kümmerte sich um uns, als wir vier Tage nach der Katastrophe zum ersten Mal nach Südfrankreich reisten.
Leider waren ihre Bemühungen vergebens, als SAT-Betreuerin für den Gedenktag in Le Vernet eingesetzt zu werden. Sie wollte gern dabei sein. Ihr geht der Absturz und wie es dazu kam auch heute noch unter die Haut. Sie erzählt, dass sie sich am 24. März beizeiten vor dem Todeszeitpunkt in der Friedhofskapelle ihres bayrischen Heimatortes aufhielt, um uns im Gebet und in Gedanken in dem schweren Moment zu begleiten. »Ich wünsche, dass der liebe Gott bei euch ist und Trost spendet«, sagt sie zum Abschied.
Ohne Verspätung landet am Abend die Maschine auf dem Flugplatz Leipzig-Halle. Erschöpft kommen wir zu Hause an.
Wir finden den Brief eines besorgten Mitbürgers vor, der uns auf ein Szenario hinweist, das besagt, amerikanische Streitkräfte hätten den Germanwings-Airbus versehentlich bei Tests mit Flüssig-Laser abgeschossen. Zum angeblichen Beweis hat er Schriften aus dem Internet beigelegt.
Mit den traurigen Eindrücken der vergangenen Tage, die von jener Verschwörungstheorie umgarnt wird, wälze ich mich in der Nacht im Bett hin und her. Erst vor wenigen Stunden haben wir über dem Mittelmeer ein sonderbares Flugobjekt gesehen. Und jetzt dieses Schreiben? Zufall oder Fingerzeig?
Das einzige wahre Ergebnis meiner Grübeleien ist: Jens ist seit einem Jahr tot .
© Brigitte Voß

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