25.03.2016, Karfreitag – erstes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet (7)

Wir setzen uns, mit schweren Bergschuhen und dickem Anorak bekleidet, in den ersten Bus, der vom Hotel aus in die Berge fährt. Wir wollen so dicht wie möglich an den Ort der Katastrophe gelangen. Den ursprünglichen Plan von Heide und Manfred, deren Sohn und die Schwiegertochter wenige Reihen hinter Jens im Unglücksflieger saßen, mit einem Mietwagen individuell nach Le Vernet zu fahren, um von dort direkt zur Absturzstelle zu wandern, haben wir aufgegeben. Nicht, weil die französischen Bürgermeister die unmittelbare Stelle des Dramas weiterhin sperren, sondern weil infolge des Jahrestages der gesamte Weg bis zur sogenannten »verbotenen Zone« von Sicherheitskräften überwacht wird, und wir ohne Voucher erst recht kein Durchkommen hätten.
Ende Dezember (siehe 29.12.2015, Dienstag – 5. Reise nach Le Vernet (5)) standen wir das erste Mal ganz nah dem Felsen gegenüber, den das Flugzeug beim Absturz berührte. Wir konnten die Hand darauf legen. Wir fühlten uns Jens derart nah, dass man es mit Logik nicht erklären kann. Bereits damals existierte die aus Sicherheitsgründen erlassene Vorschrift, über die wir uns hinwegsetzten – auf eigenes Risiko (man sollte alpine Erfahrungen und eine gewisse Kondition aufweisen).
Aufgrund der besonderen Situation des Jahresgedenkens schließen wir uns dem offiziellen Plan an. Wir sind froh, dass wir überhaupt die Möglichkeit haben, zum Col de Mariaud (Col = Sattel) zu gelangen, denn im Vorfeld wurde dies mit Hinweis auf das Wetter von den Behörden als unmöglich eingestuft.
Lunchpakete werden verteilt. Nach reichlich 2½ Stunden Fahrt kommen wir erneut in Le Vernet an. Die geräumigen Zelte stehen noch. Ein Anschlusswagen bringt uns bis zur ersten Schranke. Von hier gehen wir zu Fuß weiter, da die provisorische Piste zu schmal ist, um einen massiveren Verkehr zu gewährleisten. Entgegenkommende Fahrzeuge kämen nicht aneinander vorbei. Daher wandern wir in der Gruppe mit einem französischen Bergführer und den Betreuern der Lufthansa zum Col hinauf. k-IMG_7203 ohne RandDie Menschen schwitzen und ächzen, hat doch die Sonne bereits viel Kraft. An nahezu jeder Biegung parken Rettungsfahrzeuge. Sicherheitskräfte und Rettungssanitäter mustern die vorbeiziehenden Familien. »Ist bei Ihnen alles in Ordnung?«, werde ich gefragt. k-IMG_7208Vermutlich sehe ich etwas mitgenommen aus.
Während der Wanderung lernen sich die Angehörigen besser oder überhaupt erst einmal kennen.
Auf dem Col warten Mitarbeiter des Special Assistance Teams (SAT), um uns warme oder kalte Getränke zu reichen. Wir halten uns nicht weiter auf.
Wir gelangen zur ersten Aussicht auf das v-förmige Gebiet der Katastrophe.

IMG_7219verklDie Helfer erklären denjenigen, die es noch nicht wissen und erfahren wollen, aus welcher Richtung das Flugzeug kam und wo es den Berg berührte. Wir entfernen uns von der Gruppe und begleiten Heide und Manfred. Der Weg ist unbefestigt und steil. Wir stapfen bergab durch Schlamm und Pfützen, ein Ausweichen ist oft unmöglich. Häufig bleiben wir stehen. Die verschiedenen Ausblicke auf den Ort des Sterbens unserer Lieben verarbeite ich gefasster als damals im Dezember. Andere sehen ihn zum ersten Mal, und das ist teilweise hart für sie.

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die Markierung zeigt die erste Berührung des Flugzeuges mit dem Felsen an

Wir erreichen die letzte Absperrung, die sehr hoch ist und sich seitlich am Felsen entlangzieht. Sie wirkt unüberwindbar. Doch der Schein trügt, wie uns seit einigen Monaten bekannt ist.
Die französischsprachige Weisung der Bürgermeister, die an der metallenen Barriere befestigt ist, werden durch Verbotshinweise in den unterschiedlichsten Sprachen ergänzt. So prangt mir ein großes »VERBOTEN« entgegen. Das gab es im Vorjahr noch nicht. Ob und wann die Franzosen ihren Erlass aufheben, ist unklar. Von hier haben wir keinen Einblick auf die Absturzstelle, die sich nur wenige Meter entfernt befindet. Und trotzdem ist hier das Gefühl, dicht bei Jens zu sein, übernatürlich stark. Gern würden wir das Metallgitter überwinden, um weiter zu gehen. Meine flehende Bitte an den Bergführer, den wir von unserem zweiten Besuch her kennen, wird verneinend beantwortet. Natürlich! »C’est interdit.« Was soll ich auch anderes erwarten.
Angehörige stecken Blumen an den Zaun. k-IMG_7204 ohne Rand
Auf dem Rückweg unterhalten wir uns über die Lieben, die wir verloren haben, bleiben in Grüppchen stehen und diskutieren über die letzten Minuten oder Sekunden ihrer Lebenszeit. Was haben sie vom Absturz mitbekommen? Die Meinungen klaffen auseinander, das Thema interessiert.
Wir laufen bis zur Schranke, von wo aus wir mit dem Shuttle in das Bergdorf zurückgebracht werden. Die Luft ist kalt. Der Nachmittag neigt sich dem Ende zu.
Wir betreten erneut den Friedhof, um uns von Jens zu verabschieden. Die Straßen von Le Vernet sind wieder so einsam, wie es uns von zurückliegenden Aufenthalten vertraut ist. Die meisten Familien sind bereits auf der Rückfahrt in die Hotels.
Bevor wir in den letzten Bus einsteigen, bedienen wir uns im Aufenthaltszelt vom Buffet, das immer noch reichlich gedeckt ist.
© Brigitte Voß

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