24.03.2016, Donnerstag – erstes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet (6)

Im Aufenthaltszelt wartet das Buffet mit verschiedenen Speisen auf. Wir trinken ein Glas Saft, haben keinen Appetit und beschließen, sogleich auf den Friedhof zu gehen.

20160324_120609-1024x576Wir laufen durch Le Vernet, einem Ort, der weniger Einwohner zählt, als Personen in dem Horrorflugzeug saßen. An vielen Häusern hängt ein Schild mit der Aufschrift »À Vendre (»Zu Verkaufen«).
Wir haben die sogenannte Sicherheitszone verlassen, müssen also erwarten, von Journalisten angesprochen zu werden. Ich senke mit einer derart abweisenden Miene den Kopf, dass sie uns in Ruhe lassen.
Der Eingang des kleinen Friedhofes ist mit Stoff verhüllt. Dadurch werden wir den Blicken entzogen und niemand kann uns beobachten oder fotografieren.
Das Grab ist anlässlich des Gedenktages von einem Zelt umgeben. Normalerweise liegt es frei, sodass die Besucher den Turm der benachbarten Kirche sowie die Berge sehen können.
Regierungsvertreter haben bereits Kränze niedergelegt.
Wir empfinden es wohltuend, dass wir für uns sind. Die meisten Trauergäste stärken sich noch am Mittagsbuffet.

20160324_122450-1024x576Jedes Mal, wenn ich auf das Grab herabschaue, überlege ich, ob es Teile von unserem Jens enthält. Das wird ein ewiges Rätsel bleiben.
Neu sind die schwarzen Granitplatten, die links und rechts neben der üblichen Gedenktafel angebracht worden sind. Mit goldener Schrift sind darauf die Namen der Verstorbenen in alphabetischer Reihenfolge verzeichnet. Wir freuen uns darüber, ist es doch jetzt nicht mehr so anonym. Die Familien wurden vorab um ihr Einverständnis gebeten.
Wieder und wieder lese ich den Namenszug von Jens. Langsam gehe ich einige Schritte vor, hocke mich hin und ziehe mit den Fingern die Form der Buchstaben nach. 20160324_122409-1024x576Wir stellen die kleine Keramikplatte mit seinem Foto auf, legen weiße Rosen davor und zünden für ihn eine Kerze an. Unser Lichtgruß soll ihn begleiten, wo immer er auch ist. Den Grabschmuck hatten wir über das Internet anfertigen lassen.
Angehörige betreten den Friedhof.
Wir verlassen ihn.
»Ich habe keine Lust, mich unter die anderen zu mischen«, sage ich zu meinem Mann. »Wollen wir die Richtung zum Col de Mariaud einschlagen, um uns irgendwo seitlich vom Weg hinzusetzen?«
»So etwas Ähnliches habe ich auch schon gedacht. Wir könnten die Lunchpakete plündern.«
Wir finden einen geeigneten Platz, steigen vorsichtig den Hang hinab und machen es uns auf einem großen Baumstumpf bequem. Das Wasser des Bachs murmelt über die Steine hinweg, die Vögel zwitschern, und wir spüren den nahenden Frühling. Die Bäume geben nur einen beschränkten Blick auf die Gipfel frei.
Die Shuttles, die die Familien zur Absperrung bringen, von der sie in die Nähe der Absturzstelle wandern können, fahren vorbei. Wir möchten erst morgen versuchen, so dicht wie möglich an das Katastrophengebiet zu gelangen.
Grüppchen von Reportern ziehen mit ihren Fernsehteams auf der über uns liegenden schmalen Straße den Berg hinauf. Sie tragen auf den Schultern Kameras, mächtige Stative und Stabmikrofone. Ich bin überzeugt, sie werden nicht weit kommen, denn ab der ersten Begrenzung benötigen sie einen Voucher, der nur uns Hinterbliebenen zusteht.
Wir plündern die knisternden Lunchtüten. In der Natur regt sich der Appetit.
Ein Fahrzeug stoppt, die Tür schlägt scheppernd zu. Ich höre jemand den Hang hinabsteigen. Zweige zerknacken unter schweren Schritten. Ich drehe mich um und erblicke einen breitschultrigen Mann, gekleidet mit einer dunkelblauen Latzhose und einem karierten Arbeitshemd.
Er bleibt vor uns stehen, fragt auf Englisch, ob wir Angehörige sind. Er würde uns mit dem Auto überall dorthin bringen, wo wir es wünschen. Wir lehnen freundlich ab und erklären, dass wir bald zur Rückfahrt nach Marseille aufbrechen müssen. Er weist auf die Büsche, die ein Haus nahezu verdecken, und erklärt: »That’s my house.« Wenn wir wieder einmal vor Ort seien, sollten wir zu ihm kommen, und er würde sein Angebot verwirklichen. Wir sind beeindruckt und bedanken uns herzlich. Ich wundere mich, wie gut er englisch spricht. Bisher haben wir nur französischsprachige Einwohner kennengelernt.
Den Abend verbringen wir im Hotelrestaurant von Marseille mit den Familien.
»Das war hart und voller trauriger Emotionen, aber es ist gut, dass wir hier sind«, ist die einhellige Meinung über den heutigen Gedenktag.
Es ist spät und wir möchten zu Bett. Im Hinausgehen entdecken wir in einer Sitzecke des Foyers die Lufthansabetreuerin mit den rötlichen langen Haaren, die uns am Ende der Gedenkfeierlichkeiten eine zusätzliche Rose für Jens überreichte. Wir sprechen sie an. Es entwickelt sich eine ziemlich rege Diskussion zum Tathergang. Wir setzen uns zu ihr. Sie ist überzeugt, dass die Passagiere erst in den letzten zwei Sekunden den Absturz mitbekommen hätten. Dabei beruft sie sich auf den Voicerekorder und ihre Kenntnisse als Flugbegleiterin. Ich glaube ihr nicht so recht. Alle wollen uns nur beruhigen.
Wir reden vom Tod und unserem doch so anders gewordenen Leben. In ihren Ansichten schwingt die heftige Bestürzung über die Katastrophe mit, obwohl sie bereits ein Jahr zurückliegt. Ihre Anteilnahme kommt von Herzen.
Zu nächtlicher Stunde legen wir uns schlafen.
© Brigitte Voß

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s