24.03.2016, Donnerstag – erstes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet (5)

20160324_095147-1024x576 Die Gedenkfeier beginnt mit einem Chor aus der Region, »Le chœur de la Blanche« aus Seyne-les-Alpes, der mit wohlklingenden Stimmen in verschiedenen Sprachen singt.
»Wie spät ist es jetzt?«, flüsterte ich meinem Mann zu, denn ich habe keine Uhr bei mir.
Genau um diese Zeit saß Jens ahnungslos im Flugzeug. Er freute sich auf das Bett, da er müde war. Das teilte er Melanie unmittelbar vor dem Start per SMS mit.
Ich kämpfe den Kloß im Hals herunter.
Herr Carsten Spohr, Vorsitzender des Vorstandes der deutschen Lufthansa AG, hält eine Ansprache.
Und immer wieder der Blick auf die Uhr. Die letzten zehn Minuten seines Lebens sind angebrochen. Hat er Angst gehabt? Hat er geschrien? Die Gedanken wirbeln durch den Kopf. Wäre ich doch bei ihm gewesen!!!
Ein trauriges Adagio (aus dem Concierto de Aranjuez von Joaquin Rodrigo) ertönt.
Bald wird unser Sohn ausgelöscht sein. WARUM!?
Noch eine Minute leben unsere Lieben. Nur noch eine Minute!
Die Menschen weinen, die Musik verstummt. Wir erheben uns von den Sitzen. Manche Trauergäste halten es nicht mehr aus und eilen aus dem Zelt.
Schweigen. Ein dröhnender Gongschlag verkündet den Zeitpunkt des Aufpralls. Ich zittere wie Espenlaub. Jens stirbt, unser liebes Kind stirbt! Es ist tot. Die Passagiere, die Crew – sie verloren von einer Sekunde zur anderen auf grausame Art und Weise ihre wertvollen Leben. Nur eine Person wünschte dieses Massensterben herbei … zusammenzucken
Wir stehen. Aus allen Richtungen des Raumes strömen weinende Geräusche zu einer einzigen Tränenflut zusammen.
Die Namen der Opfer werden verlesen: »… Jens Voß …«, nur wenig später der seines japanischen Kollegen …
Das Schluchzen, dass durch die Reihen kriecht, wird von Johann Sebastian Bach’s Air übertönt.
Céline Burnouf, Chef de Brigade, französische Gendarmerie, ergreift das Wort. Sie spricht über ihre Gefühle, als sie die ersten Familienmitglieder empfing und DNA-Proben entgegennahm. »Ein Stiefvater gab mir ein Kuscheltier und ein paar Kopfhörer. Der Augenblick war extrem emotionsgeladen und ich hatte Mühe, meine Tränen zurückzuhalten. Ich bin Gendarmin, aber auch Mutter einer kleinen Tochter.« Sie endet mit den Sätzen: »Heute – ein Jahr nach dem Unglück – sind zwar die sichtbaren Spuren des Absturzes beseitigt und die Umweltarbeiten an der Absturzstelle abgeschlossen. Die Emotionen sind allerdings in keiner Weise verblasst. Es fällt uns Kollegen noch immer schwer, untereinander über unsere Empfindungen, unsere Gefühle zu sprechen. Auch wir werden die Ereignisse niemals vergessen können.
Wir werden immer an euch denken und euch stets in unseren Herzen haben.«
In dem folgenden lang anhaltenden Klatschen schwingt viel Dankbarkeit mit.
Das Largo von Georg Friedrich Händel leitet zu dem nächsten Wortbeitrag über. Eine Spanierin spricht über ihre Mutter: »Mama, ich glaube, ich werde nie die Worte finden, um auszudrücken, was ich fühle, jetzt, da ich mich von dir verabschieden muss. Ich hatte immer geglaubt, dass dies erst dann geschehen würde, wenn ich alles von dir gelernt hätte, wenn du keine Ratschläge mehr für mich hättest oder wenn wir über nichts mehr reden könnten …«
Den Abschluss bildet Beate, die Schwester und Schwager verlor, mit einem Gedicht.

aus dem Programmheft
aus dem Programmheft zum Jahregedenken in Le Vernet

Wir nehmen den Liedtext von »Somewhere over the rainbow« in die Hände. Allerdings kann ich nicht mitsingen, weil mir der Kummer die Kehle abschnürt.
Vertreter verschiedener Religionen sprechen ihre Abschlussworte.
Die Fensterfront vor uns wird von den Helfern aufgerollt. Sie geben den Blick auf Stele und Alphörner frei. Ein Opfer-Angehöriger aus NRW (Roruper Alphornensemble Dülmen) spielt eines davon.

20160324_113627-1024x576Nach der offiziellen Kranzniederlegung reihen wir uns in die Menschen ein, um eine weiße Rose für Jens an abzulegen. Ich hebe den Kopf und bemerke, wie fremde Augen in die meinen eintauchen. Sie gehören zu einer Frau mit rötlichen langen Haaren, die hilft, die Rosen zu verteilen. Ich schaue durch sie hindurch. Einige Sekunden später kommt sie auf uns zu und gibt jedem von uns eine zweite Rose und sagt: »Für Ihren wunderbaren Sohn.« Dankbar nehmen wir diese an. Wärme durchdringt mich. Wir legen die Blumen ab, verharren und betrachten den weißen Rosenberg vor der Stele.
Jens ist tot.

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»Woher weiß sie eigentlich, dass wir unseren Sohn verloren haben?«, fragt mein Mann unvermittelt.
Ich beginne nachzudenken. Wir wissen es nicht.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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