24.03.2016, Donnerstag – erstes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet (4)

In einem riesigen Zelt haben wir die Möglichkeit, Erfrischungen zu uns zu nehmen. An den weiß gedeckten Tischen sitzen oder stehen Trauergäste, die sich zumeist auf Deutsch und Spanisch unterhalten. Mehr und mehr Menschen treffen ein.

20160324_090808-1024x576Ursprünglich wollte ich der Veranstaltung fernbleiben.
»Gedenken hat etwas mit Ruhe zu tun«, habe ich in den letzten Wochen oft gemeint. »Wir sollten zu Hause bleiben und mit der Familie den Tag des Absturzes am Grab verbringen.«
»Die Berge sind sein wahres Grab. Dort bin ich ihm nah«, antwortete mein Mann.
»Das Jahresgedenken wird von Lufthansa organisiert. Die Seelsorger wären mir lieber.«
Er erwiderte: »Lufthansa hat uns das Konzept vorgestellt. Dir hat es doch auch zugesagt. Sie berücksichtigen unsere Wünsche. Keine Reden von Politikern, Abschirmung vor der Presse, Beteiligung der Einheimischen.«
»Es wird eine Massenveranstaltung. Ich will allein sein.«
Er: »Vielleicht ist es gut, den Tag gemeinsam mit den Hinterbliebenen zu durchstehen.«
Und er hat recht. Sie sind Leidensgenossen. Sie geben mir ein Gefühl von Sicherheit, wir sind eine Gemeinschaft. Es ist belanglos, welchen Charakter sie haben, welche Sprache sie sprechen, welcher Religion und Kultur sie angehören, uns verbindet der Schmerz über den Verlust unserer Lieben. Wir brauchen uns nur in die tränenreichen oder leeren Augen zu sehen, um mit allen Nuancen die Pein des anderen zu wissen.
Wir haben noch Zeit und laufen zur Stele. In der Nähe liegen drei Alphörner auf ihren Gestellen, von einem Zeltdach überspannt.

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Dahinter zeigen sich die Berge, die ein Drama erlebt haben, dass ich gern auslöschen möchte. Der Schnee, der die Gipfel überzuckert, blendet weiß zu uns herüber. In einem königlichen Blau leuchtet der Himmel auf sie herab.
Wir betreten den neu hergerichteten Andachtsraum. Die Erinnerungsstücke wurden aus dem benachbarten Gebäude in Anwesenheit von geistlichen und weltlichen Würdenträgern hierher umgelagert. Ich finde zwar nicht, dass der Raum wesentlich größer ist als der bisherige (wie oft behauptet), doch bietet er in seiner Mitte eine Sitzgelegenheit, die zum besinnenden Verweilen einlädt. Die Tür ist durch ein Zahlenschloss gesichert, dessen variabler Code nur den Angehörigen zugänglich ist. Diese Lösung ist optimal.
Liebevoll sind die Sachen von Jens, gleich links neben dem Eingang, auf dem Tisch angeordnet. Nichts fehlt. Weder der Brief, den die Schwiegertochter an ihn geschrieben hat, noch die Fotos, die unseren Sohn zeigen.
Es gelingt mir kaum, meinen Mann zu überzeugen, einen Teil der Lieblingsschokolade, darunter den Weihnachtsmann vom Dezember, wegzuräumen, die er im Laufe der Zeit für Jens mitbrachte. Auch jetzt holt er eine in Deutschland gekaufte Konfektschachtel aus dem Rucksack.
Im Hinausgehen reicht er mir sein Taschentuch, mit dem ich endlich das Gesicht trocken wischen kann.

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In einem separaten Zeltbau wird die Trauerzeremonie stattfinden. Der Innenraum entspricht der Würde des Anlasses. Die gestrafften Stoffwände lassen keine Falte sehen, das Dach, ebenso die Stühle leuchten dem Eintretenden in unschuldigem Weiß entgegen. Es ist ein Weiß, dass durch die draußen strahlende Sonne, die Helligkeit im Raum verteilt.
Wir setzen uns.
Ich habe Angst vor dem Todeszeitpunkt, vor der Schweigeminute, die das gewaltsame Sterben von Jens, von all den Insassen des Flugzeugs, symbolisiert.
Uns gegenüber erstreckt sich eine Fensterwand aus Folie, die den Blick auf die Berge freigibt. Die Simultanübersetzer sitzen in einem abgetrennten Bereich und überblicken das Geschehen. Die Videowände an den Seiten und in der Mitte garantieren, dass wir die Veranstaltung genauestens verfolgen können.
Rasch füllt sich das Zelt.
Vor einem Jahr um diese Zeit durfte Jens noch 30 Minuten leben.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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2 Gedanken zu “24.03.2016, Donnerstag – erstes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet (4)”

  1. Liebe Frau Voß,

    Von Herzen danke , dass Sie uns an Ihren Gedanken teilhaben lassen.
    Ihren Schmerz und Verlust kann ich (selbst Mama) nur erahnen.

    Ich möchte Ihnen vieles Sagen/Schreiben, allein es wäre nur ein……Versuch.

    Nur Eins : die Liebe bleibt …….für IMMER.

    Alles Liebe und in Gedanken bei Ihnen

    Ihre Ingrid K.

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Frau Voß,
    lange habe ich übelegt ob ich hier irgendwann kommentieren soll, ob ich mich traue.
    Ich empfinde mich fast als Eindringling. Doch es ist mir ein Bedürfnis.

    Jeden Ihrer Berichte lese ich mit Erschütterung und Gänsehaut.
    Ich erinnere mich mich so deutlich an den 24.3.2015, als mir meine Freundin Beate Maue mitteilte das ihre Schwester Claudia und ihr Mann Jürgen in eben diesem Flugzeug saßen. Ich kannte die Beiden.
    Den Schmerz von Beate kenne ich annähernd, aber was ein Mensch wirklich fühlt wenn man so ein schreckliches Ereignis verarbeiten muss, können wohl nur Betroffene nachvollziehen.

    Ich bin selber Mutter und mag mir nicht vorstellen was es mit mir machen würde.

    Danke, dass Sie uns die Möglichkeit geben, an Ihren Gedanken teilhaben zu können.

    Es gibt keine Worte die wirklich trösten können, aber in Gedanken bin ich bei Ihnen und den vielen anderen Opfern dieser Katastrophe.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrem Mann ganz viel Kraft.

    In Verbundenheit
    Ihre Hilla H.

    Gefällt 1 Person

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