24.03.2016, Donnerstag – erstes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet (3)

Weit vor dem Weckerklingeln bin ich hellwach. Die Nacht nimmt kein Ende. Die Unruhe drängt mich des Öfteren aus dem Bett, sodass ich im Dunkeln durch das beengte Hotelzimmer wandere, hin und wieder die Übergardine anhebe, um das Hotelgelände zu betrachten. Das Gebäude verharrt im Ruhemodus, nichts passiert.
Ich lege mich (zum wievielten Mal?) hin, ziehe die Decke über die Ohren und gebe mir Mühe, die Tränen zu bremsen, um ein bisschen Schlaf zu finden. Es ist vergebens.
Vor einem Jahr lebte Jens. Noch! Niemand hatte geahnt, dass der beginnende Tag sein Todestag sein würde. Niemand! Wir gaben uns den normalen Alltagsdingen hin, während 150 Menschen sich auf einen Flug von Barcelona nach Düsseldorf vorbereiteten. Einer von ihnen mit mörderischen Ideen.
Unser Kind wird heute sterben.
Ab fünf Uhr wird das Buffet eröffnet. Da der Fahrstuhl überlastet ist, benutzen wir die Treppe. Im Foyer treffen wir auf die japanische Hinterbliebene, deren Mann mit Jens im Flugzeug abstürzte. Sie waren Kollegen und hatten in Spanien geschäftliche Dinge zu regeln.
Nakamura-san begegnete uns mit ihrer Familie kurze Zeit nach der Katastrophe, wir wohnten im selben Hotel und besuchten gemeinsam die französischen Berge, hinter denen das Drama geschah.
Mit einem Erkennen in den Augen kommt sie zu mir. Sie begrüßt mich mit einer dezenten Umarmung sowie einem freundlichen »Vossu-san«. Ihre zwei Sprösslinge sitzen nahe der Rezeption auf einer Couch und tippen mit den Fingern eifrig auf ihren elektronischen Geräten herum.
Sie erzählt, dass sie nicht, wie für die Angehörigen vorgesehen, mit den Kleinen eine Stunde wandern könne, um Ausblicke auf die Absturzstelle zu haben. Bei einer Aufsichtsperson würden sie weinen, sie bräuchten die Mutter.
Das ist unbefriedigend, ist sie doch aus dem fernen Japan angereist, um an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen. Tapfer lächelnd meint sie: »Vielleicht nächstes Jahr. Das wird schon klappen.«
Wir beschließen, mit dem SAT-Team zu reden, damit sie für die Japanerin mit den Kindern eine Ausnahme machen und ein Sondershuttle einsetzen, das sie direkt zum Col de Mariaud bringt. Von dort aus sind es nur einige Schritte, um den Ort der Katastrophe zu sehen.
Das Buffet ist lecker angerichtet. Meine Vernunft setzt Maßstäbe, die ich nicht erfüllen kann. Der Gedanke, dass es besser ist, ausreichend zu essen, ist Verschwendung. Der Kaffee muss genügen, alles andere erweckt Widerwillen, weil der Appetit fehlt.
Bevor wir in die Busse einsteigen, überreichen die Helfer prall gefüllte Lunch-Pakete sowie Getränke. Ein Verhungern ist unmöglich.
Gegen sechs Uhr fahren wir ab. Die Bänder an den Handgelenken werden kontrolliert, die ID-Nummern aufgeschrieben.
Eine junge Frau, die in der Nähe sitzt, streicht sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht.
Uns erwartet eine rund dreistündige Fahrt. Die Strecke, die vorbeiziehenden Orte und Landschaften kennen wir allmählich.
Nur wenig Zeit vergeht, bis hungrige Kinder ihre Finger in die Lunch-Tüten gleiten lassen, deren Papier bei dem Manöver fürchterlich knistert. Die Nerven sind angespannt.
Endlich erreichen wir Le Vernet. Die Sicherheitsbestimmungen sind hoch. Uns haben die Lufthansa-Betreuer eingeschärft, stets den Personalausweis bei uns zu haben, um ungestört den Friedhof des Bergdorfes mit dem Grab der nichtidentifizierbaren menschlichen Überreste besuchen zu können. Frankreich befindet sich infolge des vorjährigen Terrors immer noch im Ausnahmezustand. Die Explosionen vorgestern in Brüssel haben die Wachsamkeit der Franzosen zusätzlich verschärft. Am Wegesrand steht Gendarmerie mit schussbereiten Gewehren in den Händen. Die Sicherheitskräfte, drahtige Männer in Uniform, aber auch im schwarzen Anzug, fallen überall auf.
Was ist das für eine Welt, in der die Trauer der Familien, die ihre Lieben durch einen unbegreiflichen Massenmord verloren haben, mit Waffen beschützt werden muss?
Uns gibt es ein Gefühl der Sicherheit. Wir denken nicht weiter darüber nach.

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© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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Ein Gedanke zu “24.03.2016, Donnerstag – erstes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet (3)”

  1. Liebe Gitti,
    wann immer ich Deinen Blog lese, fühle ich das alles nochmal genau so. Du beschreibst so plastisch, wie es besser kaum geht.
    Und wie ähnlich Empfindungen sind. Trauer vereint Menschen unterschiedlichster Herkunft und Lebensart.
    Das tut gut, zeigt aber gleichwohl auch das Ausmaß der Emotionen.

    Danke einmal mehr für das Lesen dürfen. Kommt gut durch den Tag.
    Umärmel aus MH, BeAte

    Gefällt 1 Person

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