23.03.2016, Mittwoch – erstes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet (2)

Zur vereinbarten Zeit warten die Busse vor dem Hotel, die uns zum Palais de Congrès im Messepark Marseille Chanot bringen, wo ein interreligiöser Gottesdienst für die Angehörigen stattfinden wird. Bevor wir einsteigen werden die Bänder an den Handgelenken kontrolliert und die ID-Nummern notiert. Die Fahrt dauert etwa eine Stunde und führt durch die dicht befahrene Innenstadt, vorbei an dem weiträumigen Hafen, der durch seine riesigen Schiffe imponiert. Die Abendsonne steht tief. Mystisches, überhelles Licht streift das Wasser, das sich um sie kräuselt. Die vorbeiziehenden Häuser schmiegen sich aneinander und fallen durch die für die Region typischen Fensterläden auf. Das Flair dieser Stadt ist fremd, aber freundlich. Wieso sind wir hier?
Vor einem Jahr hat Jens noch gelebt. Mein Herz blubbert gegen den Druck an, der den Brustkorb quetscht. Wir gedenken der Toten, unser Kind gehört dazu. Ich mag das nicht verstehen.
Endlich kommen wir an ein Tor, dass für die eintreffenden Sonderfahrten geöffnet wird. Sicherheitskräfte schirmen uns perfekt ab. Wir steigen aus. In gebührender Entfernung stehen hinter einer Absperrung Medienvertreter, die in Mikrofone sprechen oder versuchen, ein brauchbares Foto zu schießen.
Am Eingang des Palais zeigen wir die Bändchen am Handgelenk vor.
Vor uns erstreckt sich eine Halle. Weißgedeckte Tische laden zum Verweilen ein und locken die Besucher mit appetitlichen Käse- und Wursthäppchen sowie schwarzen Oliven. Die Stimmung ist gedrückt.
Die einzelnen Busse rollen an. Sie treffen aus sechs verschiedenen Hotels in Aix-en- Provence und Marseille ein, auf die wir Angehörigen verteilt sind.
Schließlich betreten wir den Saal, in dem der Trauergottesdienst stattfinden wird. Auf jedem Stuhl liegt ein Programmheft. Auch ein Gerät mit Kopfhörern finden wir vor, auf dem wir die entsprechende Muttersprache einstellen können. Die Veranstaltung wird vorwiegend in deutscher Sprache abgehalten. Die Simultanübersetzungen erfolgen ins Spanische, Katalanische, Englische, Französische, Niederländische, Japanische, Russische, vermutlich ins Arabische und Farsi. Die Trauer der Hinterbliebenen umspannt den gesamten Erdball.
Die Gedenkfeier verläuft würdevoll, die vorgetragenen Worte, Gebete und Fürbitten sind traurig, aber mit einem Hauch von Hoffnung. Die Musik entstammt größtenteils der Feder von Johann Sebastian Bach, der in meiner Heimatstadt mit seiner Familie lebte und als Kantor des Thomanerchors arbeitete.
Vertreter verschiedener Religionen treten ans Rednerpult: Anette Kurschus (Präses der evangelischen Kirche von Westfalen), Dr. Elmar Salman (Benediktinerpater der Abtei Gerleve), Jorge Burdman (Jüdische Gemeinde Barcelona), Mahir Örgüz (Theologe der DITIB-Zentrale Köln) und Prof. Takao Aoyama (Priester von Jodo-Shinshu, EKÔ-Haus der Japanischen Kultur in Düsseldorf).
Das Vater Unser wird gebetet. Ein leises Gemurmel in unterschiedlichen Sprachen hebt an. Unterdrücktes Weinen ist zu hören, mein Mann reicht mir ein Taschentuch.

Marseille_Gottesdienst_span.Opferverband
aus dem Programmheft zum Gottesdienst in Marseille

Appetitlos streiche ich im Anschluss der Veranstaltung um das lecker angerichtete Buffet. Wir sitzen an in Reihen aufgestellten Tischen. Es wird rege diskutiert. Wir sind froh, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht und wir zum morgigen Jahrestag in der Nähe unserer Lieben in den Französischen Alpen sein können. Die französische Seite hatte im Vorfeld versprochen, alles zu tun, um die Straßen schneefrei zu halten. Sollte es allerdings dem Himmel einfallen, kurzfristig Schneemassen auf die Zufahrtsstraßen und die Region um Le Vernet zu speien, würde selbst der stärkste Wille machtlos sein, ein Durchkommen zu gewährleisten. In diesem ungünstigen Fall fände das Jahresgedenken in Marseille statt. Glücklicherweise ist die Wetterprognose sonnig günstig.
Das gemeinsame Abendessen zieht sich nicht in die Länge. Wir müssen morgen vor 05:00 Uhr aufstehen, weil die Busse von Marseille etwa drei Stunden bis Le Vernet benötigen. Natürlich wollen wir Angehörigen zur Absturzzeit 10:41 Uhr oben in den Bergen sein.
© Brigitte Voß

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