23.03.2016, Mittwoch – erstes Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet (1)

06:30 Uhr steht das Taxi zum Flugplatz vor der Tür. Der Fahrer fragt, wie so oft auch andere vor ihm, ob uns fröhliche Urlaubstage bevorstehen würden und wohin es ginge. Ich antworte wahrheitsgetreu, dass der Anlass der Reise ein trauriger ist. Mehr nicht. Er verstummt.
Mein Mann durchbricht das unangenehme Schweigen mit einem Gespräch über das Wetter. Der Chauffeur atmet auf, die Unterhaltung kommt in Gang.
Kaum sind wir im Check-in eingetroffen, rückt Anorte, die Autorin vom MDR, mit ihren Kollegen vom Fernsehen an. Da sie die beste Freundin der Tochter unserer Freundin ist, vertrauen wir ihr. So haben wir vor einigen Tagen zugestimmt, uns unmittelbar vor der Abreise ein zweites Mal zu filmen. Der Beitrag soll in der Nachrichtensendung des MDR erscheinen.
Die Aufnahmen beginnen. Sie strengen an, fand ich doch die Nacht wenig Schlaf. Es bereitet mir Mühe, scheinbar unbeteiligt die Umgebung zu betrachten, während die Linse auf uns zielt. Der Kameramann nimmt uns am Schalter, auf dem Rollband sowie beim Durchschreiten der Flughafenhalle ins Visier, nur bei der Sicherheitskontrolle ruht die Kamera. Ich muss mich einem Sprengstofftest unterziehen.
Eine Security-Angestellte vom Flughafen begleitet die Filmaufnahmen und ermöglicht, dass im Sicherheitsbereich weitergedreht wird.
Das Interview beginnt. Angesichts dessen, was uns bevorsteht, habe ich das Gefühl, dass in mir etwas zerreißen will. Um so schwerer fällt eine einigermaßen logische Beantwortung der Fragen. Hätten wir nur nicht zugesagt. Es war ein Fehler, jetzt weiß ich es besser.
Das Boarding wird aufgerufen. Die Filmerei ist erst beendet, als wir im Airport-Shuttle zum Flugzeug verschwinden.
Erleichtert sitzen wir in der Maschine, die uns bis München bringt.
Im Anschlussflieger nach Südfrankreich treffen wir auf ausländische Hinterbliebene, die wir kennen, jedoch noch nie gesprochen hatten. Wir nicken uns zu.
Die Nerven liegen blank. Das Jahresgedenken türmt sich wie eine überdimensionale Mauer vor uns auf, die wir mit all ihren Hürden überwinden müssen. Das fordert seinen Tribut und schwächt. Mir wird deutlicher denn je bewusst, dass wir den Tod von Jens ein zweites Mal durchleben werden. Je näher dieser Zeitpunkt rückt, desto häufiger bedrängt mich die Frage: ›Was war genau jetzt vor einem Jahr?‹
Wir hatten keine Ahnung! Es war so selbstverständlich, dass er lebte.
Wir stehen in Marseille am Fließband, auf dem die Gepäckstücke der Reisenden kreiseln. Eine SAT-Mitarbeiterin (Lufthansabetreuung) hat auf die Landung des Fliegers gewartet. Sie kommt auf uns zu und fragt, ob wir Herr und Frau Voß sind. Sie konzentriert weitere Angehörige, die mit uns geflogen sind, um sich herum und verteilt uns auf die Shuttles, die in das naheliegende Hotel fahren. Wir kennen es bereits von früheren Besuchen. Am Spezialempfang für die Trauergäste bekommen wir ein farbiges Erkennungsband um das Handgelenk gelegt. Vorher wird darauf mit Kugelschreiber eine ID-Nummer gekritzelt. Es ist eine Sicherheitsmaßnahme, die so nicht geplant war, doch wegen der gestrigen Terroranschläge in Brüssel offensichtlich notwendig geworden ist. Ich erkenne in der Frau, die neben uns mit einer Angestellten spricht, Heide, die Sohn und Schwiegertochter verloren hat. Wir fallen uns um den Hals: »Das ist gut, dass wir uns wiedersehen.«
Auf dem Weg zum Fahrstuhl nähert sich zielgerichtet eine Betreuerin. Sie reicht uns ihre Hand: »Herr und Frau Voß, wie geht es Ihnen denn?«
Erfolgreich strengen wir das Gedächtnis an. Sie stand uns bei einen der ersten Reisen nach Frankreich hilf- und trostreich zur Seite. Die Herzlichkeit, die sie ausstrahlt, tut gut.
Wir begeben uns auf das Zimmer, packen aus, machen uns etwas frisch und setzen uns in den Rezeptionsbereich zu dem holländischen Paar, dessen Tochter mit dem mörderischen Airbus abstürzte. Glücklicherweise sprechen sie deutsch, sodass wir uns gut unterhalten können. Man kennt sich.
Die Angehörigen aus NRW sind mit der Sondermaschine aus Düsseldorf angekommen. Sie trudeln nach und nach im Hotel ein. Es wird zunehmend belebter. Vor ihrem Abflug haben sie der Enthüllung einer Gedenktafel an die Opfer des Fluges 4U9525 im Raum der Stille auf dem Düsseldorfer Flugplatz beigewohnt, wobei eine kleine Andacht gehalten wurde. Dieser befindet sich im öffentlichen Bereich und beherbergt auch eine Gedenktafel für die siebzehn Toten des Flughafenbrandes von 1996.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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