22.03.2016, Dienstag – unruhige Erwartung

♦ ZWEIUNDFÜNFZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Ich weiß nicht, wozu ich nachts überhaupt noch ins Bett gehe. Ich schlafe miserabel. Und dann steht man gerädert auf, und hört die Horrormeldungen aus Belgien. Die IS-Anschläge auf dem Brüsseler Flugplatz und die U-Bahnstation Maalbeek forderten viele Tote und Verletzte.
Ich komme mit der nackten Gewalt nicht klar, die stets aufs Neue Menschenleben verschlingt. Wo ist die Achtung vor dem Leben und der Persönlichkeit, die es in sich trägt? Ich stelle mir lebhaft vor, wie die Angehörigen vom Tod ihrer Lieben erfahren, wie sie weinen und nichts verstehen.
Ich wohnte im EU-Viertel der Stadt, als ich dort ein dreimonatiges Praktikum absolvierte, und kenne die Gegend um die U-Bahnstation herum. Es ist unfassbar. Außerdem steht der Jahrestag unmittelbar bevor. Ich scheue vor ihm zurück, vor dem Todeszeitpunkt von Jens. Mir ist schlecht, der Blutdruck steigt.
Freunde und Verwandte melden sich, auch bei ihnen kommt die Erinnerung an den fürchterlichen Tag mit ungeahnter Wucht hoch. »Wir denken an euch« oder »Wir umarmen euch« gehören zu den häufigsten Worten, die wir hören. Eine Freundin seiner Studienzeit schickt Blumen für das Grab. Sie lebt mit ihrer Familie viele Kilometer weit entfernt. Unser japanischer Freund, bietet an, die »Seelenrisse« ins Japanische zu übersetzen, worüber ich mich sehr freue. Er kannte Jens seit Langem. Unsere frühere Betreuerin von Lufthansa, mit der wir in Kontakt stehen, teilt uns mit, dass sie jeden Tag an uns denkt und für uns betet. Sie trage täglich die Kette, die wir gemeinsam in Südfrankreich kauften. Ich besitze vom selben Verkäufer eine ähnliche.
Einer der Triathlonfreunde schreibt: »Die Fassungslosigkeit hat Bestand, aber noch viel mehr haben wir Jens‹ Lächeln vor Augen, und das werden wir nie vergessen!« …
Neulich spielte ich mit Sassa »Radieren«. Wir malten mit einem Bleistift Striche aufs Papier und radierten sie mit einem Radiergummi wieder weg. Plötzlich stellte ich mir vor, wie es wäre, den 24. März einfach wegzuradieren, auszulöschen, genau, wie wir die gezeichneten Linien verschwinden ließen. Gäbe es die Katastrophe nicht, würde Jens noch leben, und die alte schöne Welt würde uns umgeben, mit all den Freuden und angeblichen Ärgernissen.
Vor einigen Tagen wurden auf der nur für die erbberechtigten Hinterbliebenen und mit einem speziellen Zugangscode versehenen Website die persönlichen Gegenstände veröffentlicht, die die französischen Behörden im Januar 2016 übergeben hatten und die keinem der Opfer eindeutig zugeordnet werden konnten. Beim Durchgehen des Katalogs bekam ich Gänsehaut. Sogar Fotos waren zu sehen. Ich scrollte durch SIM-Karten, zerstörte Kameras und Fragmente von Handys. Ich erblickte zersplitterte oder verbogene Laptopbruchstücke, kaum zu erkennen war ein Motherboard, … In einer anderen Kategorie befanden sich Schuhe, Kleidung (auch Unterwäsche), Schmuck, elektronische Autoschlüssel usw. Den Objekten wurden Kurzbeschreibungen hinzugefügt. Das anfängliche flaue Gefühl, das mich beschlich, verwandelte sich rasch in eine abgrundtiefe Traurigkeit. Wir werden für den Rest unseres Lebens gezeichnet sein. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder diese Unbeschwertheit zu erreichen, die ich in der besseren Zeitrechnung besaß. Jens ist tot.
Ein Tropfen auf dem heißen Stein ist bei all den Gedanken die kleine Enkelin, die sich auf ihr Brüderchen freut. Sie streichelt gern den Bauch ihrer schwangeren Mama, legt den Kopf darauf oder steht davor und singt dem wachsenden Baby vor, wobei sie die zum Lied gehörigen Finger- und Armbewegungen ausführt.
Am Abend wird das Interview mit uns im MDR  in der »Umschau« ausgestrahlt. Je näher der Termin rückt, desto nervöser werde ich. Eigentlich mag ich mich überhaupt nicht vor der Kamera sehen. Warum nur haben wir uns auf so etwas eingelassen? Die Antwort verdrängt rasch die Zweifel. Wir wollen an Jens und all die unschuldigen Opfer erinnern. Wir wünschen, dass durch die zur Zeit zahlreichen Interviews mit uns Hinterbliebenen, die Katastrophe im Gedächtnis der Menschheit bleibt. Die Außenwelt soll zumindest eine Ahnung davon bekommen, dass für uns noch lange kein normales Leben möglich ist. Wenn sie versucht zu verstehen, was die Trauer mit einem macht, könnte es unser zukünftiges Dasein erleichtern.
Fernsehzeit: Neugierig schauen wir auf den Bildschirm, denn die Ausstrahlung der »Umschau« beginnt. Zu Wort kommen unser Rechtsanwalt, der Lufthansa-Chef Herr Spohr und wir. Es ist merkwürdig, sich in der Sendung zu erblicken und sprechen zu hören. Wir versuchen, unsere Empfindungen angesichts des Todes von Jens zum Ausdruck zu bringen und wie wir mit dem Massenmord umgehen. Er hätte vermieden werden können. Niemand will die Verantwortung übernehmen. Der Jurist spricht von der Einreichung der Klage in den USA, sie stehe unmittelbar bevor. »Wie viel ist ein Menschenleben wert?« Doch es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Aufklärung der Hintergründe der Tat, die in den USA andere Möglichkeiten findet. Wir wollen genauestens wissen, warum unser Sohn sterben musste. Hat die Lufthansa Fehler gemacht? Herr Spohr überrascht uns mit der Bemerkung: »Es fällt schwer, wenn 150 Menschen tot sind zu sagen, hier ist alles ideal gelaufen.«
Der Beitrag flimmert dreizehn Minuten über den Bildschirm. Wir finden, die junge Reporterin Anorte Linsmayer hat gute Arbeit geleistet.
© Brigitte Voß

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