17.03.2016, Donnerstag – die Nachbestattung

Seit Mitte Dezember (siehe »15.12.2015, Dienstag – menschliche Überreste«) wissen wir, dass an der Unglücksstelle weitere sterbliche Reste geborgen worden sind, allerdings nur, weil Hinterbliebene zufällig davon hörten.
Im Januar postete ein Angehöriger die Antwort einer der drei französischen Untersuchungsrichterinnen, die besagte, dass eine Identifizierung der aufgefundenen Körperteile unmöglich sei, da deren Zustand dies nicht zuließe. Daher wurden sie dem Friedhof von Le Vernet zur Inhumierung übergeben.
Ein Sturm der Entrüstung brach in der Angehörigengruppe los: »Wir werden nicht ernst genommen.«, »Wenn keiner nachgefragt hätte, hätten wir das nie erfahren!«, usw.
Ende Februar stellte sich heraus, dass eine Vertreterin von Lufthansa in Haltern die Eltern der sechzehn ermordeten Schüler über die Existenz weiterer menschlicher Reste informierte. Sie wären in der Obhut der Franzosen. Es stünde bis jetzt nicht fest, wann und in welchem Rahmen die Beerdigung stattfinden würde. Sie erklärte, dass die Fluggesellschaft selbst kaum Informationen darüber erhielte.
Wieso wurden wir nicht offiziell von Lufthansa benachrichtigt und mussten die einzelnen Info-Puzzleteile, die dazu noch von Angehörigen der Gruppe stammten, zusammenfügen?
Das Thema ist sensibel und zehrt mächtig an unser aller Nerven.
Anfang März war es endlich soweit. Eine Nachricht von Germanwings teilte uns mit, was wir bereits mühsam zusammengetragen hatten. Neu war allerdings, dass die menschlichen Teile in Kürze von den französischen Behörden freigegeben würden. Ein französisches Bestattungsinstitut sollte die Bestattung im Gemeinschaftsgrab von Le Vernet vorbereiten.
Schließlich erhielten wir vor drei Tagen, gegen 22.40 Uhr, eine E-Mail, in der Lufthansa informierte, dass die sterblichen Reste am Morgen des 17. März, das heißt heute, im Beisein eines Geistlichen und des Bürgermeisters von Le Vernet unter Ausschluss der Öffentlichkeit beerdigt werden. Uns gebe man die Möglichkeit am 24. März, zum Jahresgedenken, Abschied zu nehmen.
Die Aufregung ist groß. Der nahende Jahrestag zehrt zusätzlich an den Nerven. Die alten Wunden bluten und werden durch die unsensible Vorgehensweise vergrößert. Das ist unbegreiflich.
Bereits Mitte Dezember sickerten die ersten Informationen über die nachträglich aufgefundenen Leichenteile zu uns durch.
Die Gruppe klagte: «Warum tun sie uns das an?«, »Wer kann so schnell und kurzfristig hinreisen? Das schafft doch kaum einer.« oder »Die haben kein Herz, keine Vorstellung, wie es uns geht!«
Einige hätten gern teilgenommen. Offensichtlich war das nicht gewollt.
Trotzdem reiste einer von uns, nämlich Vlady, nach Südfrankreich. Auf dem Hinweg erfuhr er, dass er lediglich an einer Zeremonie in der Kapelle teilnehmen dürfe, jedoch nicht an der Öffnung des Grabes und dem Begräbnis.
Wir regten uns erneut auf. Die emotionale Belastung war für alle hoch. Manch einer wollte sich an die Presse wenden.
Wir sprachen dem reisenden Angehörigen Mut zu und unterstützten ihn mit Worten.
Zwischendurch teilte Lufthansa mit, dass Zeitpunkt und Rahmen der Bestattung in den Händen der Franzosen liege und sie keinen Einfluss darauf habe.
Und heute erfahren wir: Er darf dabei sein. Vlady wird sich wohl gehörig beschwert haben. Wir sind erleichtert. Die Bürgermeister von Le Vernet und Prads, Vertreter von Lufthansa sowie einige Journalisten sind ebenfalls zur Nachbestattung zugegen.
Vlady informiert uns gründlich: Der Friedhof sei mit einem Zelt überdacht, genau, wie bei der Beerdigung im Juli. Die menschlichen Reste würden sich in einem kleinen Holzsarg befinden. Er nimmt an der Zeremonie mit dem katholischen Gemeindepfarrer teil, übermittelt uns Fotos vom Sarg und der Beisetzung und bestätigt, was man auch auf den Bildern erkennen kann, nämlich, dass es eine würdige Trauerfeier ist.
So bekommen wir eine gute Vorstellung und können an der Nachbestattung teilhaben.
© Brigitte Voß
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