15.03.2016, Dienstag – Medien

♦ EINUNDFÜNFZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Eines möchte ich nicht unerwähnt lassen, nämlich unsere vorgestrige Rückkehr aus Bonn, wo wir an der Informationsveranstaltung der französischen Luftfahrtsuntersuchungsbehörde BEA teilgenommen haben: Abends warteten wir auf dem Airport Köln-Bonn auf den Abflug der Germanwings-Maschine zum Flugplatz Leipzig-Halle. Plötzlich wurde uns mitgeteilt, dass ein vorhergehendes Flugzeug zu spät gelandet sei und sich daher der Start um 90 Minuten verschieben würde. Wir waren erschöpft, da diese Veranstaltung für uns emotional belastend war, und sehnten uns nach den eigenen vier Wänden. Wir vertrieben uns die Wartezeit in der Duty-Free-Abteilung und kauften uns als Trost einen preiswerten 7-Sterne-Metaxa. Erneut nahmen wir im Wartebereich Platz. Die genannte Zeit rückte heran, es kam kein Boarding-Aufruf. Die Wartenden wurden sichtlich ungehalten. Endlich erbarmte sich eine Mitarbeiterin und informierte uns, dass sich der Abflug verzögern würde, da ein Crewmitglied nicht erschienen sei. Seit dem Tod von Jens muss ich mich stets überwinden, mit Germanwings/Eurowings zu fliegen, nur kann man sich das nicht immer aussuchen. Und wenn dann noch so etwas passiert … Jedenfalls landeten wir 2½ Stunden später in Leipzig.
Vor einigen Wochen haben wir einen langen Brief von einer Reporterin erhalten, die Jens von verschiedenen Partys her kannte und wie wir erfahren, eine Freundin der Tochter unserer Freundin ist. Die junge Frau würde gern einen Film anlässlich des ersten Jahresgedenkens der Katastrophe für die MDR-Sendung »Umschau« drehen und bittet mit vorsichtigen Worten um unsere Teilnahme. Daraufhin lernten wir Anorte Linsmayer persönlich kennen, sie beantwortete all unsere Fragen und wir redeten viel über Jens, der nicht mehr unter uns weilt. Seitdem ist auch mein Mann überzeugt, dass er das Interview möchte. In der Folgezeit sahen wir zwei ihrer Beiträge, die sachlich und dabei menschlich auf uns wirkten.
Momentan warten wir auf das Fernsehteam. Es klingelt. Sie zwängen sich mit ihrer Ausrüstung durch die Tür, der Tontechniker, der Kameramann und die Journalistin.
Das Wohnzimmer wird umgeräumt, die große Standkamera sowie die Scheinwerfer werden platziert. Wir befestigen die Mikros an der Kleidung, Ton- und Lichteinstellungen werden überprüft und schon sind wir mitten im Gespräch. Wir reden von der Trauer, von dem Unbegreiflichen des Massenmordes, der schleppenden Aufklärung der Geschehnisse und von Verantwortlichkeiten, die niemand übernehmen will. Ich fühle mich miserabel, da ich kaum noch schlafe.
Mittags trennen wir uns. Wir legen eine Pause ein, um etwas zu essen und zu entspannen, ehe es auf dem Friedhof weitergeht. Dafür musste Frau Linsmayer eine Sondergenehmigung einholen. Da in der Nähe der geplanten Aufnahmen eine Beerdigung stattfinden soll, müssen wir uns gedulden.

Der Kameramann filmt jeden Schritt, den wir bis zum Grab laufen. Wir stehen davor, zupfen an den Blumen und beantworten Anortes Fragen. Die Stimmung ist bei allen gedrückt.
Viele Angehörige, die wir kennen, lassen sich anlässlich des ersten Jahrestages interviewen. Wir sehen sie im Fernsehen und lesen ihre Worte in den verschiedensten Zeitungen und Magazinen. Die Themen ähneln sich: Schmerz, nie vergehende Trauer, das schwere Leben danach, Schuld und Verantwortung, Jahresgedenken, Entschädigung, wie wir vom Absturz erfahren haben, usw.
In den Printmedien wird eine letzte E-Mail von Lubitz veröffentlicht, seine Psyche und Krankengeschichte zerpflückt, sogar ein Steuerknüppel des Piloten wird auf dem Foto einer Boulevardzeitung gezeigt, der Horror des Dramas wird in jeglichen Facetten dokumentiert, usw. Die Journalisten rühren in unseren Erinnerungen und unseren Gefühlen, trotzdem sind wir manchmal ein Teil von ihnen und wirken mit. Es tut gut, den Kummer abzureagieren und über die toten Lieben zu reden. In den Köpfen sollen sie weiterleben.
© Brigitte Voß

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