09.03.2016, Mittwoch – Versagen

Ich greife zum Telefon und wähle die Nummer des französischen Institutes, um den Kommunikationskurs, den ich seit Anfang Januar besuche, abzumelden. Die Teilnahme funktioniert nicht, weil ich nicht funktioniere. Die Entscheidung ist nicht von heute auf morgen gefallen.
Wir sind eine kleine Gruppe Interessierter mittleren bis älteren Semesters. Der Lehrer ist ein südländisch aussehender französischer Student, der einen versierten Eindruck hinterlässt und uns permanent zum Diskutieren auffordert. Vorrangiges Ziel des Unterrichtes ist, auf Französisch zu sprechen. Allerdings hatte ich nicht daran gedacht, dass die gestellten Themen meiner Stimmung total widersprechen könnten. Bereits die erste Unterrichtsstunde bereitete Schwierigkeiten. Wir sollten unsere Meinungen zum Thema »Lachen« wiedergeben. Ich zeigte keinerlei Motivation, darüber zu reden. Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl kam ich oft an die Reihe. Ich suchte nach Worten, gab Plattheiten von mir, um überhaupt etwas zu sagen. Während die anderen herrlich tiefgründig und wortreich formulierten, brachte ich maximal nur drei Sätze zustande. Den letzten brach ich ab, weil ich vergessen hatte, was ich eigentlich erzählen wollte. Der Gesprächsgegenstand blockierte, die Konzentration war miserabel und die französischen Vokabeln waren aus dem Gedächtnis verschwunden.
Die Dame zu meiner Rechten erzählte, dass man sie nur schwer zum Lachen bringen könne. Sie neige zu Ernsthaftigkeit und sei ein trauriger Typ. Hat sie einen Anlass? Nein, das sei ihr Naturell. Sie habe keine Begründung.
Die folgenden Unterrichtsstunden verliefen ähnlich. Immerhin wusste ich zum Thema Literatur einiges zu sagen, zumindest, was den allgemeineren Teil betraf. Doch bei den Fragen, welches Buch ich derzeit lese und was ich zukünftig gern lesen würde, geriet ich ins Trudeln. Erfreue ich mich wirklich noch an dem Spiel mit den Worten, an guten Formulierungen? Sollte ich zum Besten geben, dass ich Lektüre zu Trauer, Tod und Katastrophen regelrecht verschlinge? Dass ich keine weiteren Pläne mehr habe?
»Lesen Sie Bücher in fremden Sprachen?« Antwort: »Früher ja, aber aktuell fehlen mir die Nerven.«
Oft leite ich die Beantwortung der Fragen mit einem »Früher habe ich …« ein.
Die Diskussionen verdeutlichen, dass mein Leben gespalten ist, in eines davor und ein anderes danach, wobei die bessere Periode der Vergangenheit angehört.
Es ist üblich, dass jeder zu Beginn des Unterrichts berichtet, was er die zurückliegende Woche erlebt hat. Heute fiel mir nichts ein. Und so erzählte ich in allen Einzelheiten, wie ich angeblich die Fenster geputzt habe, Einkaufen gegangen bin, die Wohnung gesäubert habe, usw. Kursteilnehmer sowie Lehrer bedachten mich mit merkwürdigen Blicken. Sollte ich von den Interviews berichten? Dass das erste Jahresgedenken an die Katastrophe bevorsteht? Doch dann hätte ich mein Stigma weg. Ich wäre diejenige, deren Kind ermordet wurde. Ihr Verhalten mir gegenüber würde sich ändern. Mir wäre das nicht recht.
In den Pausen glänze ich durch Schweigen, während sich die Mitschüler angeregt unterhalten. Früher hätte ich mich an den Gesprächen beteiligt.
Im Unterricht schaue ich ständig auf die Uhr, deren Zeiger sich mühsam voranschleppen, bis sie endlich das ersehnte Ziel erreicht haben. Ich stopfe Block und Schreibzeug in den Rucksack und verschwinde mit einem knappen »Tschüss«.
Ich vergesse die Hausaufgaben, schwänze den Kurs und schiebe Übelkeit vor.
Heute bin ich 30 Minuten zu spät gekommen. Ich fand mich in einer Filiale für Kinderbekleidung wieder und hatte das Zeitgefühl verloren.
Ich zweifle an mir. Vor dem Tod unseres Sohnes war ich die Pünktlichkeit selbst und äußerst zuverlässig. Ich bin mir fremd geworden. Mein vormals starker Wille ist dahin. Jens würde mich nicht wiedererkennen. Ich sehe ihn vor mir. Er schüttelt mit dem Kopf und verschwindet im leeren Raum.
Am anderen Ende des Hörers meldet sich eine lächelnde Stimme: »Bonjour«.
Ich melde mich vom Kommunikationskurs ab und erkläre den Grund. Die Angestellte schweigt und ringt nach Worten.
© Brigitte Voß

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