01.03.2016, Dienstag – meteorologischer Frühling

♦ NEUNUNDVIERZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Wir spazieren durch den Auenwald, den Kopf voller Gedanken. Vor wenigen Stunden haben wir eine Mail erhalten, die uns aufwühlt, trotzdem sie uns gestern der Rechtsanwalt angekündigt hat. Die französischen Behörden haben Anfang Januar weitere Gegenstände der Opfer übergeben. Darunter befinden sich Kameras, Speicherkarten, Laptops und Smartphones. Einige konnten ihren toten Besitzern eindeutig zugeordnet werden, so auch unserem Jens. Ein beigefügtes Formular listet die Speichermedien auf. Wir müssen angeben, ob und in welchem Zustand wir sie zurückerhalten wollen. Natürlich möchten wir sie zurückhaben, obwohl es schwerfällt, weil es unglaublich traurig ist. Es sind die Dinge, die er bei dem Todesflug bei sich hatte, ein Gruß aus der Welt zwischen Leben und Tod. Wir haben nie geglaubt, derartiges zurückzuerhalten. Können wir die SIM-Karte einlesen? Die USB-Sticks? Ist das Handy sehr zerstört?

16-03-01_tabelle
Ausschnitt aus der Rückgabetabelle

Wir haben Ähnliches bereits erlebt, damals im August 2015. Die Geldkarten, der Personalausweis, u.a. waren erstaunlich gut erhalten.
Offensichtlich hört es nie auf. Von Neuem werden wir mit dem Schrecken konfrontiert, sind allerdings dankbar, über jegliche Fakten informiert zu sein. Wir können die Augen nicht verschließen, selbst wenn wir es wollten, obgleich weitere Wunden aufgerissen werden.
Der Jahrestag naht. Die Erinnerungen drücken mit nie gekannter Stärke gegen das Herz. Vor nicht allzu langer Zeit plante unser Kind voller Energie die Zukunft. Niemand hatte daran gedacht, dass sie schwarze Farben tragen würde.
Wir laufen durch den Wald. Uns meiden die Frühlingsgefühle. Der normale Alltag rauscht an uns vorbei, beschäftigt uns kaum. Aber plötzlich unterbreche ich das Schweigen, weil ich erkenne: ›Ojeh, Schneeglöckchen gibt es ja auch noch!‹. Unbeirrt stemmen sie ihre kleinen Blüten durch den gefrosteten Waldboden und erfreuen die anderen Spaziergänger. Sie leben trotz der Kälte.

Anfang des Jahres habe ich den Rehasport, den ich infolge des Flugzeugabsturzes abgebrochen hatte, wieder aufgenommen. Sport ist notwendig, damit ich mich besser fühle, bin ich überzeugt. Wöchentlich gehe ich zum Kraftkreis und zur Wassergymnastik. Oft komme ich mir wie ein Roboter vor, der automatisch und ohne Empfindungen die gewünschten Bewegungen ausführt. Wahre Freude kommt nicht auf. Beim Aqua-Jogging lasse ich lustlos die Beine strampeln. Ein Sportsfreund schwappt im Gegenverkehr näher und ruft mir laut zu: »Lächeln!«, wobei er das »ä« übermäßig strapaziert.
Nett sind sie, die Leidensgenossen, trotzdem muss ich mich stets überwinden, überhaupt am Kurs teilzunehmen. Sie kennen mein Schicksal nicht, und so soll es bleiben, selbst wenn gewisse Situationen Schwierigkeiten bereiten. Beispielsweise teilt ein älterer Herr während der Übungen mit: »Morgen fliege ich zum Sohn nach Barcelona. Ich kann es kaum erwarten.« Und schon ist die anklopfende positive Stimmung im Keim erstickt. Die Spanier mögen mir verzeihen, aber der Städtename erweckt unruhige Gefühle.
Oder der Trainer sagt angesichts unseres Stöhnens: »Massensport ist Massenmord.« Alle lachen bis auf eine Ausnahme. Sie können nichts dafür, wissen nichts. Die Teilnehmer sind humorvoll, eigentlich mag ich sie. Nach der Stunde finden sie sich in der kleinen Vereinsküche ein, trinken Tee oder Wasser und reden miteinander. Ich hingegen ziehe mich rasch um und verschwinde. »Endlich raus«, ist meine Devise.
Normalität ist mühsam.
© Brigitte Voß

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