10.02.2016, Mittwoch – ein Interview

Thomas reist allein nach Le Vernet. Die Sorge, er könnte ebenfalls abstürzen, nimmt gehetzte Züge an. Wer garantiert, dass nicht wieder so ein Verrückter in der Pilotenkabine Böses treibt? Sitze ich selbst im Flieger, ist es mir egal. Jedoch noch ein Kind zu verlieren? Abgesehen von der Fliegerei, könnte er ernsthaft erkranken, beim Marathon tot umfallen, mit dem Rennrad schwer stürzen, usw. Alles ist möglich, das hat mich die Vergangenheit gelehrt. Ich fürchte um meinen Mann, die Schwiegertochter, die kleine Enkelin, das ungeborene Leben … Angst ist in gewissem Sinne normal, vielleicht auch notwendig, allerdings tritt derzeit der Schweiß auf die Stirn. Die Familie ist wichtiger denn je. Das wurde mir durch den Massenmord grausam bewusst.
Wir verfolgen auf einer App seinen Flug nach Marseille. Natürlich stellt er sich ein, der Gedanke, die grüne Linie, die auf dem Handy den Fortschritt der Strecke anzeigt, könnte plötzlich abbrechen, weil … Permanent nehme ich es zur Hand. Und da geschieht es, vor der Landung bleibt das Grün mitten über dem Meer stehen. Was ist passiert? Ist das Flugzeug ins Mittelmeer gestürzt? Der elektronische Segen bringt unnütze Unruhe, kurz darauf erhalten wir Nachricht, dass er glücklich gelandet ist.
Das Jahresgedenken an die Katastrophe naht und die Journalisten werden aktiv. Vor einigen Tagen kontaktierte uns Frau Kerstin Herrnkind von der Zeitschrift »stern« mit der Bitte um ein Interview. Zunächst lehnten wir ab, da wir Aufregungen vermeiden wollten. Ihre Stimme klang sympathisch. Sie wurde über die »Seelenrisse« auf uns aufmerksam. Der Beitrag solle in einem Sonderteil zusammen mit den Interviews anderer Hinterbliebener erscheinen. Sie hätten bereits ähnliches zum Terroranschlag vom 11. September in New York veröffentlicht und würden uns dies gern zusenden, damit wir uns in Ruhe eine Meinung bilden können. Wir stimmten zu, ansehen kann man es sich ja. Prompt trafen die entsprechenden Seiten per Email ein. Inhalt und Aufmachung gefielen uns. Schließlich sagten wir zu. Jens und all die Opfer dürfen niemals vergessen werden und dafür geben uns die Medien eine Plattform.
Für uns kommt es auf das Wie der Anfrage an, also keine faulen Tricks, und das Wo, das heißt, in welcher Zeitung, Magazin, Sender, usw., der Beitrag herausgegeben werden soll.
Es klingelt. Herr Holger Witzel, ein Journalist vom »stern«, steht mit einem Fotografen, Herrn Christoph Busse, vor der Tür. Sie hieven die umfangreiche Fotoausrüstung in das Wohnzimmer. Wir nehmen Platz. Es stellt sich heraus, dass Herr Witzel ein eingefleischter Leipziger ist. Das verbindet. Er schreibt scharfzüngige Bücher über das Verhältnis zwischen Ossis  und Wessis und veröffentlicht auch unter einem Synonym.
Er fragt ruhig und besonnen, sodass sich die anfängliche Aufregung legt. Wir erzählen von Jens und was sein Tod in uns bewirkt. Meist lässt er uns reden, hin und wieder gibt er durch Fragen dem Gespräch eine andere Richtung oder macht sich handschriftliche Notizen.
Uns erleichtert, von Jens zu sprechen, über seinen Tod, von der Katastrophe und der Schwere der Trauer. Wir wollen, dass man sich für die Opfer interessiert.
Schließlich baut der Fotograf zwei große Reflektoren auf, die uns während der Fotoaufnahmen beblitzen, und hinter uns eine schwarze Leinwand. Das ist der schrecklichste Teil, denn sich derart anstrahlen zu lassen, mag ich nicht. Wir sitzen, stehen nebeneinander, hintereinander, usw. – die Prozedur verlängert sich, da meine Brillengläser spiegeln. Zeitgleich werden die Aufnahmen auf das Tablet übertragen, die Herr Witzel begutachtet. Beim Abschied verspricht er, Belegexemplare seiner Bücher zu schicken.
© Brigitte Voß

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