05.02.2016, Freitag – Bücher

Wenn ich lese, ist es Literatur, die sich mit Tod und Gewaltverbrechen beschäftigt. Ich verschlinge sie regelrecht.
Eine Angehörige empfahl mir folgendes Buch: »Hinterbliebenen-Nachsorge«, das Sybille Jatzko und Fritz Hitzfelder herausgegeben haben. Es entstand 2006, zehn Jahre nach dem Absturz der Birgenair-Maschine in der Dominikanischen Republik. Notfallseelsorger, mit denen auch wir in Kontakt stehen, sowie Hinterbliebene der Opfer kommen darin zu Wort. Sie erzählen, wie sie von dem Unglück erfahren haben und wie es ihnen in der darauffolgenden Zeit ergangen ist. Die Schicksale zeigen, wie schwer es für sie war, im Alltagsleben Fuß zu fassen, was die Trauer in ihren Seelen hervorgerufen hat und wie sie ihre Probleme wieder in den Griff bekommen haben. Sie haben es geschafft, einigermaßen ›normal‹, sogar bewusster weiter zu leben. Doch das war ein langer, teilweise schmerzhafter Prozess. Ich lese die Beiträge mit großem Interesse, denn was die Betroffenen sagen, haben sie selbst erlebt. Sie wissen Bescheid. Niemand würde empfehlen, sich endlich der Normalität zuzuwenden und das Vergangene hinter sich zu lassen. Was diese Angehörigen äußern, das stimmt, das ist die Realität.
Viele Todesopfer wurden nie aufgefunden. Damals legten die Bergungskräfte keinen Wert auf die Suche und Bergung der Verstorbenen und ihrer persönlichen Gegenstände, sondern konzentrierten sich auf Flugzeugteile, die natürlich wichtig zur Klärung der Absturzursache waren. Das war und ist nach wie vor grausam.
Von uns hingegen besitzt jede Familie ein privates Grab, sofern sie es wollte. Auch geringfügige menschliche Überreste wurden identifiziert und an uns übergeben.
Birgenair-Hinterbliebene, deren Lieben das Meer für immer verschlungen hat, schufen sich eigene Gedenksteine, ich weiß sogar von einem leeren Grab. Derartige Orte können für Trauernde wertvoll sein.
Eine Therapeutin hat mir einen Krimi und Thriller mit dem Titel »In meinem Himmel« von Alice Sebold geborgt. Die amerikanische Autorin erzielte mit dem Originaltitel »The Lovely Bones« einen unerwarteten Welterfolg. Sie selbst ist Opfer einer schweren Vergewaltigung und wohl knapp mit dem Leben davongekommen.
Ich bekam den Rat, das erste Kapitel auszulassen, wenn es zu brutal sei. Die Handlung könne man trotzdem zu verstehen.
Ein Mädchen wird vergewaltigt, ermordet und anschließend zerstückelt. Sie heißt Susie. Das, was die Eltern von ihrer 14-jährigen Tochter beerdigen können, ist nur ihr Ellenbogen. Mehr wurde nicht aufgefunden. (Und schon hat mich das Buch gepackt.) Die Tote gelangt in einen Bereich zwischen Himmel und Erde, in eine Art Zwischenhimmel, den sie nach ihren Vorstellungen gestalten kann. Von dort aus beobachtet sie ihre verzweifelte Familie, für die es ein steiniger Weg ist, den Verlust zu akzeptieren. Ebenso lässt sie den Kommissar und ihren Mörder nicht aus den Augen. Erst als ihre Lieben nach zehn Jahren tiefer Trauer und Verzweiflung halbwegs im Leben klar kommen, findet Susie ihren Seelenfrieden.
Ich identifiziere mich zunehmend mit dem Leid und den daraus resultierenden Verhaltensweisen der Hinterbliebenen, weil ich all das so gut kenne und bei meiner Familie beobachte. Dieses Vergleichen und Sich-Wiederfinden tut mir gut.  Hier nur einige Punkte:
Die Mutter redet vom »Mord« an ihrer Tochter, wobei sie sich beklagt »Niemand spricht es aus … Die Leute nennen es die gräßliche Tragödie.« (Auch ich wurde bereits darauf hingewiesen, den Flugzeugabsturz nicht als Mord zu bezeichnen und den Copiloten nicht als Mörder. Er hätte ebenfalls eine Mutter, die trauert. – Das ist kein Argument, weil jeder Mörder eine Mutter hat. Damit wäre das Wort Mörder aus unserem Vokabular verschwunden. Aber dazu werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas sagen.)
Den Frust des Vaters, da die Polizei die Suche einstellt, verstehe ich extrem, ebenso dass er verbissen auf eigene Faust nach dem Mörder forscht. Die Mordgedanken, die er dem Unmenschen gegenüber hegt, kann ich nachvollziehen.
Die Verlustängste des kleinen Bruders, dass ihn liebe Menschen wie seine Schwester für immer verlassen könnten, erlebe ich mit meiner Familie.
Trauer vergeht nie – die Schwere der Erinnerungen – vom Loslassen und der Normalität – das Gefühl, den Verstorbenen im eigenen Körper zu spüren – jeden hätte es treffen können – der Gedanke ›Was-wäre-wenn‹ – Gedenkfeiern – das Hineinprojizieren von Aussehen und Eigenschaften des Toten in lebende Personen, usw. – all das beschreibt die Autorin so sensibel und einfühlsam, als hätte sie das selbst erlebt.
Ich fühle mich durch die Lektüre bestätigt, erkenne mich wieder und das tröstet ungemein.
Um so enttäuschender ist der dazugehörige amerikanische Spielfilm. Die tiefgründige Aufarbeitung der Trauer steht nicht im Vordergrund. In ihm wird eine esoterische Kriminalgeschichte dargestellt. Schwerpunkte sind die Jagd nach dem Mörder und Susie im Zwischenhimmel. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Buch erst nach dem Kinobesuch zur Hand zu nehmen.
© Brigitte Voß

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