31.01.2016, Sonntag – ein ganz normaler Sonntag

Die Anteilnahme der Menschen geht unterschiedliche Wege. Während ich von Personen kontaktiert werde, die ich nicht kenne und die keine Opfer des Flugzeugabsturzes zu beklagen haben, meiden uns wenige Freunde. Wir wissen nicht warum.
Ein Beispiel ist Marina. Obwohl wir seit dreißig Jahren befreundet und unsere Kinder zusammen aufgewachsen sind, haben wir sie seit der Beerdigung weder getroffen noch miteinander gesprochen. Immerhin schickte sie per WhatsApp Weihnachtsgrüße, die ich beantwortete. Gleichzeitig schlug ich vor, wir könnten uns doch auf dem Friedhof treffen, um gemeinsam an die Gräber von ihrem Mann und Jens zu gehen. Sie stimmte zu, einen Termin vereinbarten wir nicht.
Seitdem herrscht Funkstille. So bin ich froh über folgende Begegnung:
Wir laufen an dem »Trauercafé« vorbei, dass am Eingang des Friedhofes zu Kaffee und Kuchen einlädt. Ich versuche, durch das Fenster einen Blick nach innen zu erhaschen, und überlege, ob viele Kunden dort verkehren. Die Bezeichnung des Restaurants könnte abschreckend wirken, weil die Menschen vor dem Tod und sogar vor der Trauer fliehen und das Thema gern meiden. Jedenfalls erblicke ich schemenhaft zwei Personen, die an einem Tisch sitzen. »Also nicht ganz leer«, schlussfolgere ich. Im Weitergehen höre ich eine mir bekannte Frauenstimme, die unsere Namen ruft. Mini-Hunde stürmen bellend auf uns zu. In einem erkenne ich Rüdiger, der zu Marina gehört.
Wir begrüßen uns. Sie fordert uns auf: »Wenn ihr wollt, kommt doch rein, es ist noch Platz.«
Wir betreten das winzige Café. Marinas Begleiterin bindet die Hunde an einem Stuhlbein fest.
Meine Freundin ahnt, dass ich wegen ihres Schweigens enttäuscht bin und sagt: »Ich bin so froh, euch hier zu sehen. Ich hatte mich einfach nicht getraut, euch zu begegnen. So ist es besser, dass wir uns unerwartet getroffen haben. Die Idee, an die Gräber zu gehen, ist schön. Aber hätten wir dafür einen Termin ausgemacht, wäre ich einige Tage vorher fürchterlich unruhig gewesen, hätte mir eine Rübe gemacht, was ich sagen soll.« Sie redet wie ein Wasserfall.
Ich bin über ihre Ängste erstaunt, weil sie vor Jahren selbst einen einschneidenden Todesfall erlitt und daher wissen müsste, wie man sich fühlt. Oder war gerade das die Ursache? Wie dem sei, wir freuen uns über das plötzliche Treffen und sind erleichtert über die Aussprache.
Am Nachmittag sitzen wir bei einer Geburtstagsfeier. Es ist schwierig, sich in der sogenannten Normalität zurechtzufinden. Wir beteiligen uns an den Gesprächen, obwohl sie uns kaum interessieren. Es ermüdet derart, dass ich verstumme. Meinem Mann ergeht es ähnlich. Letztendlich verfolgen wir passiv das Geschehen.
Das verfluchte Gefühl, nicht dazu zugehören, eine Fremde im menschlichen Leben zu sein, ist stärker denn je zuvor. So, wie es bisher war, wird es nie wieder sein. Unbarmherzig läuft es auf ungewohnten Bahnen weiter. Wir müssen Wege finden, trotz der Trauer, den Alltag zu bewältigen, ohne die Mitmenschen zu belasten. Eine Rückkehr in das normale Sein ist verdammt schwer. Ich kann sie wenig steuern. Und dieses »Sich-Mühe-geben« strengt fürchterlich an. Hilflosigkeit breitet sich aus.

Thriller und Krimis fesseln mich mehr als früher. Sie beschäftigen sich mit Mord, Opfer-Angehörigen und Kriminellen.
Allerdings wäre es besser gewesen, den heutigen »Tatort« mit dem Titel »Hundstage« und dem aggressiven Kommissar Faber aus Dortmund, zu meiden. (Nie weiß man bei dem kaputten Typen, was er als Nächstes anstellt oder wozu er fähig ist. Er ist traumatisiert, da nach der offiziellen Version Frau und Kind bei einem Autounfall starben, jedoch existieren Hinweise, dass sie ermordet wurden.)
Die Teilhandlung: Eine Mutter vermisst seit zehn Jahren ihr dreijähriges Kind, das nie gefunden wurde. Sie gibt den Ermittlern die Schuld für den tragischen Verlust.
Obwohl sie als austherapiert gilt, meint sie jetzt, es auf der Straße wiedergesehen zu haben. Faber fragt, ob sie sich nicht irre. Sie greift ihn an, dass nur ein Mensch, der kein Kind habe, so etwas fragen könne.
Der Fall geht Faber an die Nieren. Er sitzt mit dem Rücken zur Wand und murmelt wie in einem Rausch: »Ich habe mein Kind verloren«, »Ich habe mein Kind verloren«, »Ich habe mein Kind verloren«, »Ich habe mein Kind verloren.« Er hört einfach nicht mehr auf. Jedes einzelne Wort peitscht in unendlich scheinenden Wiederholungen durch mein Gehirn.
© Brigitte Voß

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