29.01.2016, Freitag – der Copilot

Wir werden auf einen Artikel hingewiesen, der am 27. Januar 2016 im »Le Parisien« (französische Boulevardzeitung) erschienen ist. Er befasst sich mit dem Copiloten des A320, mit Lubitz.
Ich gebe den Inhalt sinngemäß und zusammengefasst wieder:
Lubitz litt an schweren Sehstörungen. Er hatte Angst, zu erblinden und dadurch seinen Beruf zu verlieren. Die Folgen waren Panikattacken, massive Schlafstörungen  (maximal schlief er zwei Stunden pro Nacht) sowie die Einnahme von Antidepressiva.
Einer der zahlreichen Ärzte, die er zwischen Januar und März 2015 aufsuchte, vertraute der Polizei an, dass er es mit jemanden zu tun gehabt hätte, »der unsicher auftrat, er hinterließ den Eindruck, er stünde unter Druck« und während der Untersuchung habe er gedacht: »Mein Gott, ich möchte nicht, dass jener Mann ein Flugzeug steuert.«
Mediziner erkannten, dass die Ursachen der Beschwerden nicht in den Augen lag, sondern im Kopf. »Psychosomatische Störungen, Verdacht auf Psychose«. Allerdings wurde ihm auch bescheinigt: »Keine Halluzinationen, keine Delirien, keine Neigung zu Selbstmord.« Er wurde von einem Psychiater vom 16. März bis zum 29. März krankgeschrieben.
Während Lubitz durch die Arztpraxen tourte, bereitete er Schlimmes vor. Ab dem 18. März 2015 suchte er nach Möglichkeiten, sich das Leben zu nehmen. Er recherchierte die Menge an Schlafmitteln, die nötig wäre, um zu sterben, und welche Wirkstoffe den raschesten Tod herbeiführten. Dabei standen Zyanid und Valium im Mittelpunkt. Er erkundete, wo und wie er sie beziehen könnte. 19mal klickte er die Suchbegriffe Selbstmord in Verbindung mit Zug an. Er gab bei Google die Worte: Code, Tür, Cockpit ein.
Ein letztes konfuses Element in dieser Recherche-Reihe ist die Suche auf Englisch mit den Begriffen: Schießstand, New York, Touristen.
Am Vorabend der Katastrophe erforschte Lubitz in medizinischen Foren, wie lange jemand zum Beispiel nach einem schweren Unfall künstlich am Leben erhalten werden könne. Seine Lebensgefährtin sagte für denselben Tag aus, alles wäre ganz normal verlaufen. Sie hätten Einkäufe erledigt und zu Abend gegessen.

Die amerikanischen Anwälte melden sich zu Wort. Sie wollen ein Klageverfahren gegen die Flugschule in den Vereinigten Staaten aufsetzen, da eine außergerichtliche Einigung mit der Lufthansa-Gruppe nicht in Sicht sei.
Mir ist das lieber, da dadurch die Aufklärung aller Hintergründe vorangetrieben wird.
Wieso war es möglich, das Lubitz trotz drastischer mentaler und emotionaler Defekte und trotz erheblich geminderter Sehkraft überhaupt fliegen durfte? Wie kam es dazu? Wer ist für die schwerwiegenden Unterlassungen zuständig, die zu dem Drama geführt haben? Das möchte ich bis auf das kleinste Detail wissen. Von der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft habe ich leider nicht viel gehört, eigentlich gar nichts. Es fand bisher keine einzige Veranstaltung des deutschen Staatsanwaltes für uns Angehörige statt, in der man uns über den Stand der Untersuchungen persönlich informiert hätte – im Gegensatz zur französischen Seite. Man hätte uns zumindest mittels Rundschreiben Informationen senden können. Nichts!  Der Unmensch ist tot, hat sich der Verantwortung entzogen. Ich würde es bevorzugen, ihm im Gerichtssaal in die Augen zu schauen, auch wenn das in meiner Psyche ein absolutes Chaos erzeugen würde. Er müsste eine harte Strafe aufgebrummt bekommen. Gern würde ich ihn nach meinen Vorstellungen richten. Fatalerweise liegen sie im Bereich der Fantasie. Dafür sollen wenigstens die Hintermänner büßen, die die mörderische Tat ermöglicht haben, ich vermute, dass dies nie geschehen wird.
Immerhin kann ich den Computer abschalten, doch das Denken in meinem Kopf nicht.
Trauer und Wut bleiben.
© Brigitte Voß

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5 Gedanken zu “29.01.2016, Freitag – der Copilot”

  1. Liebe Frau Voß,

    ich hatte im letzten Jahr bereits einen Kommentar in Ihrem Blog hinterlassen.

    Ich wollte Ihnen nur einen kurzen Gruß hinterlassen & mitteilen, dass ich Ihre bewegenden Einträge noch immer verfolge. Die Welt dreht sich zwar unermüdlich weiter, aber es gibt Dinge, die dürfen nicht vergessen werden.

    Ich wünsche Ihnen & Ihrem Mann weiterhin Kraft der Welt, ein gesundes neues Jahr & alles Gute.

    Einen lieben Gruß aus Berlin

    Carolin Kourie

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Frau Voß…

    ich lese ihre Blogs seit fast einem Jahr…immer wieder…sie berühren mich nach wie vor sehr.

    Ich habe Ihnen nie einen Nachricht hinterlassen, warscheinlich aus Angst was falsches zu schreiben. Diese Seite war gerade an oberster Stelle (beschäftigt sich mit der deutschen Staatsanwaltschaft) und heute erfahre ich mit Entsetzen, dass jene Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt und nicht weiter ermittelt. Nach den Erkenntnissen des Abschlussbericht der BEA vom 12. März 2016 ist das eine Schande.

    Der Herr Staatsanwalt Kumpa kam mir vom ersten Tag sehr suspekt vor, für ihn schien schon nach wenigen Tagen klar zu sein dass es keine Ermittlungen gegen Angehörige/Ärzte etc. geben wird.

    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie weiterhin viel Kraft!

    Viele Grüsse aus Saarbrücken,

    Christoph Bach

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Herr Bach,
      das trifft es, genau das Gefühl habe ich auch. Die Ermittlung der deutschen Staatsanwaltschaft wurde von Anfang an nur halbherzig betrieben, zumindest haben wir Angehörigen keinerlei Informationen erhalten. Meldungen der Medien waren dürftig. Alle Beweisanträge wurden abgeschmettert. Es drängt sich der böse Verdacht auf, dass eine Aufklärung von höchsten Kreisen nicht erwünscht ist. Es dreht sich um viel Geld – Kosten für die Bergungsarbeiten im Katastrophengebiet, die DNA-Analysen, usw. Nicht umsonst will eine Versicherung gegen Lubitz ein Insolvenzverfahren eröffnen, wobei es sich um fast 7 Millionen Euro handelt.
      Die Ergebnisse dieser Ermittlungen könnten einigen sehr teuer zu stehen bekommen. Also, dann lieber gleich alles unter den Tisch kehren.
      Ich bin geschockt. Es ist der größte Massenmord in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg und keiner will es gewesen sein. Nun hoffe ich auf die Franzosen und wenn möglich, auch auf die USA.
      Danke für Ihren Kommentar und die Wünsche.
      Liebe Grüße
      Brigitte Voß

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      1. Liebe Frau Voß,

        vielen Dank für ihre Antwort! 🙂
        Ja ich stimme Ihnen bei allem zu. Seit das damals passierte hat es mich nie los gelassen. Auch wenn ich kein Angehöriger der armen Ermordeten bin, hat es mich sehr bewegt und tut es heute immer noch. Ich will mir nicht vorstellen wie es erst als Angehöriger sein muss :-(.

        Ich erkundigte mich damals viel bei ausländischen Medien wie CNN z. B., da man dort immer mehr bzw. früher erfuhr als hierzulande.
        Den Hr. Staatsanwalt Kumpa sah ich zum ersten mal hier:

        Da gab er englischsprachigen Journalisten ein Interview. Allein die ersten 30 Sekunden reichten um an der Ernsthaftigkeit dieses Mannes zu zweifeln. Hier passierte eine der schlimmsten Tragödien aller Zeiten, und der Mann hat nichts besseres zu tun als über seine Versprecher zu schmunzeln…man meint er spricht dort Kabarett.
        Ohne dem Mann zu nah treten zu wollen, aber Monsieur Brice Robin aus Marseille macht mir da einen deutlich seriöseren Eindruck.

        Ich gehe natürlich von aus dass sie folgenden Sachverhalt bereits wissen (Herr Klaus Radner hat es mit seinem Anwalt bereits erläutert, hier ist der komplette Artikel:
        http://www.nrz.de/staedte/duesseldorf/duesseldorfer-kaempft-nach-germanwings-absturz-um-wahrheit-id12058964.html ),
        aber wie kann eine Staatsanwaltschaft nicht mehr ermitteln, wenn folgende Sachen im Unklaren sind:
        – Lubitz unterschrieb am Vortag eine Patientenverfügung (mit 27 Jahren)
        – Lubitz´s Vater kam an jenem Tag von seiner Arbeit aus der Schweiz nach Düsseldorf angereist
        – Vater, Mutter und Freundin erwarteten ihn in seiner Wohnung
        – als er nicht kam, verpackte seine Freundin Medikamente + Krankenakte und gab sie einem Anwalt

        Das alles war am 24. März, also zwei Tage bevor überhaupt bekannt wurde was genau passiert war. Die Polizei suchte nicht nach Antworten.

        Wenn ein Staatsanwalt hier keinen Bedarf zum Ermitteln sieht, wann dann???
        Das riecht danach als ob es irgend einen Befehl von oben gibt alles einzustellen.
        Da kriegt man als Außenstehender Angst vor Ermittlungsbehörden.

        Oder das ganze Prozedere in der LH Fulgschule:
        Arzt A -> Lubitz taugt nicht zum fliegen
        24 Stunden später:
        Arzt B -> Lubitz taugt zum fliegen
        A ändert seine Meinung und er bekommt Lizenz.

        Ein Jahr später genau das selbe. A sagt wieder er hält ihn nicht für flugtauglich, B doch, und wieder wird ihm Lizenz gegeben.

        Empfehlung der BEA am 13. März 2016:
        Man sollte nachdenken die Regelung der ärtzl. Schweigepflicht wie in Kanada, Israel oder Norwegen zu handhaben. Dort wird ein Pilot – der z. B. schwere psychiatrische Erkrankung hat wie Psychose – direkt der Luftsicherheitsbehörde gemeldet und aus dem Verkehr gezogen. Wohlgemerkt: Ohne die Diagnose zu nennen, somit bricht der Arzt auch keine Schweigepflicht.

        Die Reaktion aus Deutschland:
        Dobrindt verkündet man wollte Piloten nun strenger auf Alkohol und Drogen testen…als ob Lubitz besoffen oder bekifft war und das alles nur deshalb passierte.
        An der Handhabung der Schweigepflicht wird nicht gerüttelt, dabei funktioniert das in den genannten Ländern oder auch Schweden so gut. Ich sah auch Talkrunden im deutschen, österreichischen und schweizer Fernsehen, und gerade in der Schweiz verstand man nicht warum in Deutschland kein Pilot dem Luftfahrtbundesamt gemeldet wird wenn er eine große Gefahr für sich selbst und viele andere Menschen darstellen kann. Ein Experte in Schweden meinte selbstsicher, bei ihnen wäre so etwas nie passiert, da wäre Lubitz spätestens am 10. März (als Arzt Psychose vermutete) aus dem Verkehr gezogen worden.

        Kurz und knapp: Nach jetzigem Stand kann so etwas jederzeit wieder passieren, da Ärzte nach wie vor keine Meldung geben wenn ein Pilot vor ihnen sitzt der selbe oder ähnliche Erkrankung hat…ausser der entsprechende Arzt hat Rückrat und empfindet es selbst als nötig Meldung zu machen.

        Ich drücke Ihnen und ihrer Familie sowie allen Angehörigen-Familien alle Daumen, dass es in Frankreich und in den USA weiter geht!!!
        Dieser Fall ist noch längst nicht abgeschlossen, da kann Hr. Kumpa noch so viele Verfahren einstellen.

        Positiv stimmt mich der von Ihnen auch mal angesprochene Fall aus Überlingen vom 1. Juli 2002. Dort dauerte es zwar bis 2007, aber es wurden Verantwortliche wegen fahrlässiger Tötung zu langen Haftstrafen verurteilt. Nachdem 2004 der Fluglotse Peter Nielsen von Vitali Kalojev erstochen wurde, dachten viele die Sache sei damit erledigt. Aber es stellte sich u. a. dank der BFU heraus, dass die Hauptschuld an der Firma Skyguide lag, die Nielsens Telefon und Radar wegen Wartungsarbeiten in den Hilfsmodus stellten, ohne ihn darüber zu informieren. Er hatte somit kein Telefon und bekam weder akustische noch visuelle Warnungen, ihm wurde jegliche technische Unterstützung genommen etwas verhindern zu können.
        Diese Verantwortlichen wurden dann wie gesagt 2007 wg. x-facher fahrlässiger Tötung zu sehr langen Haftstrafen verurteilt.
        Und ich bin einfach der festen Meinung, dass auch im GWi Fall einige Leute komplett versagt und eine gewaltige Mitschuld haben.

        Entschuldigen Sie dass es so viel wurde.

        Viele Grüße,
        Christoph Bach

        Gefällt 1 Person

        1. Lieber Herr Bach,
          vielen Dank für Ihre Meinungsäußerung. Ich muss doch noch einmal antworten, da mich das Thema natürlich zutiefst beschäftigt.
          Das Video kannte ich nicht, aber es ist für mich sehr aufschlussreich. Es ist nicht auszuschließen, dass Herr Kumpa auf übergeordnete Anweisung hin handelt. Sein Vorgesetzter dürfte der Innenminister von NRW sein.
          Und ja, ich kenne die Beweisanträge, es sind vierzehn und alle wurden abgelehnt. Darin wird auch der Vorwurf begründet, Lubitz sei ohne gültige Lizenz geflogen. Dem müsste gründlichst nachgegangen werden, stattdessen bedarf es laut deutscher Staatsanwaltschaft keiner weiteren Ermittlungen.
          Meine Zweifel an den deutschen Rechtsstaat sind auf einem extrem hohen Level angelangt. Es kann nicht sein, dass Recht dem Geld untergeordnet wird und die Vorwürfe nicht ernst genug genommen werden. Jeder, der ein Flugzeug besteigt, muss damit rechnen, dass sich solch eine Katastrophe jederzeit wiederholen kann. Ich verstehe die Welt nicht mehr.
          Noch haben unsere Rechtsanwälte den Einstellungsbeschluss nicht erhalten. Die Medien waren übereifrig, doch werden sie wohl recht behalten.
          Unsere Rechtsanwälte werden sich in unserem Sinne zu wehren wissen. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

          Liebe Grüße
          Brigitte Voß

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