28.01.2016, Donnerstag – Gesundheit, Speichermedien und Abschlussbericht der Taskforce

Ich laufe seit einigen Tagen wie ein Schatten durch die Gegend, da ich starke Medikamente einnehme, die mich in eine Welt aus Watte packen. Die Not zwingt dazu, weil mein Körper verrückt spielt. Die Haut wird von schmerzenden Blasen durchbrochen und kein Arzt findet eine Erklärung.
Zahnärztliche Behandlungen erforderten die Einnahme eines Antibiotikums, das zusätzlich eine Nesselallergie herbeigeführt hat. Die erste Allergie meines Lebens! Hilfe, ich verbrenne! Der Zahnzieher ist ehrlich entsetzt, angeblich hat er so etwas noch nie gesehen. Die Hautärztin verpasst mir täglich Spritzen. Ich kratze, kratze , kratze … und beherrsche mich nicht. Letzte Nacht habe ich Eisbeutel auf die wahrhaft feurigen Füße gelegt, die ich später nur mit Mühen wieder abreißen konnte. Sie waren festgefroren, und ich hatte das nicht einmal bemerkt.
Das mag alles krass klingen, doch wie die Psyche so auch ihre Hülle. Die Abwehrkräfte liegen am Boden.
Seit heute verspüre ich eine gewisse Linderung, sodass ich mich besser konzentrieren kann. Ich surfe im Internet und recherchiere Informationen, die sich in den vergangenen Tagen angehäuft haben. Dabei stoße ich auf eine Mitteilung über die Umbenennung von Germanwings in Eurowings. Sofort ahne ich Schlimmes. Will sich die Fluggesellschaft durch rechtliche Tricks aus der Verantwortung ziehen? Der Name Germanwings wird stets mit der Tragödie in den Bergen verbunden sein. Natürlich ist das eine schlechte PR. Aber beim Weiterlesen begreife ich, dass die Namensänderung allein wirtschaftlichen Interessen dient, die der Konkurrenzkampf mit anderen Billigfliegern hervorruft, und bereits vor dem Absturz am 24. März 2015 eine beschlossene Sache war. Die Plakate, die in der Stadt die Marke Eurowings bewerben, sind mir ein Dorn im Auge. Jens ist tot.
Eine Nachricht lässt mich aufhorchen. Die französischen Behörden haben weitere Gegenstände, die unsere Lieben in ihren letzten Stunden mit sich führten, an Lufthansa/Germanwings übergeben, darunter auch freigegebene Datenträger, wie zum Beispiel Speicherkarten, Kameras oder Smartphones. Insgesamt handelt es sich um dreihundert Teile, die von einem Dienstleister aufbereitet und katalogisiert werden. Diejenigen, die eindeutig zugeordnet werden konnten, erfahren eine vorrangige Bearbeitung, um sie rasch den Hinterbliebenen zu übermitteln. Die restlichen sollen auf einer zugangsgeschützten Website veröffentlicht werden, die nur die Opfer-Familien einsehen können.
Die Seelenhiebe nehmen kein Ende. Wird etwas von Jens dabei sein?
Wir müssen die aus dem Flugzeug herausgeschleuderten Sachen nicht zurücknehmen, doch wir wollen es gern. Es sind seine letzten Lebenszeichen, seine letzten Grüße vor dem Tod.

Die Taskforce, die im Nachgang des Germanwings-Dramas unter dem Dach des BDL (Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft) eingerichtet wurde, legt ihren Abschlussbericht vor. Der Arbeitsgruppe zur Flugsicherheit gehören Piloten, Flugbegleiter, Hersteller, psychologische und psychiatrische Sachverständige sowie Flugmediziner an. Sie empfehlen, das Schließsystem der Cockpittüren zu belassen, die als Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 verstärkt und mit einem elektronischen Zugangscode ausgestattet worden sind, damit ein unbefugtes Betreten verhindert wird. (Wenn es den Anschlag nicht gegeben hätte, wäre jenes folgenschwere Verbrechen an den Passagieren und der Crew unmöglich gewesen).
Es wird angeregt, bei der Neuentwicklung von Flugzeugen eine Schleuse zwischen Kabine und Cockpittür zu schaffen, die auch die Toilette für die Piloten enthalten soll.
Die „Zwei-Personen“-Regelung wurde bei allen deutschen Fluggesellschaften umgesetzt (Letztentscheidungsrecht verbleibt im Cockpit). Zufallskontrollen der Piloten auf Medikamenten-, Drogen- und Alkoholmissbrauch seien in den USA und Australien erfolgreich, allerdings gibt es in Deutschland und den meisten europäischen Ländern dazu keine Rechtsgrundlage.
Obwohl Lubitz am Tag der Katastrophe krankgeschrieben war, konnte er seine Verfassung vor seinem Arbeitgeber verbergen. Deshalb sollen die Fluggesellschaften und deren Personal noch mehr für psychische Konflikte sensibilisiert werden. Bereits vorhandene Anlaufstellen hätten sich bewährt und werden zukünftig verstärkt. (Und was ist mit einer Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht für sensible Berufsgruppen?)
Mir schwirrt der Kopf. Ich bin froh, dass heute Oma- und Opa-Tag ist. Die kleine Sassa ist bei uns und wir beginnen zu spielen. Ich gerate in einen zeitlosen Zustand und finde mich plötzlich in einer total anderen Welt wieder. Das zarte Mädchen ist die pure Ablenkung von all den Kümmernissen.
© Brigitte Voß

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